Wirklich Porno oder wahre Liebe?

Shades of Grey

Millionen Mal verkauft. Von Verfilmung die Rede. Überall dieses Buch! Millionen Frauen (und Männer) lesen es. Ob in der S-Bahn, in Fitnessstudios oder beim Friseur – alle sprechen darüber. Doch wieso fallen immer Wörter wie Porno? Was macht es so erfolgreich? Hier die Erklärung:

„Klingt echt gut! Da kommen bestimmt auch Vampire vor“, sagte ich gedankenverloren zu meiner Freundin. Wir standen in einer Buchhandlung am Flughafen, und ich suchte nach einer passenden Strandlektüre für den Urlaub. Da ich nicht mehr viel Zeit hatte, entschied ich mich für Shades of Grey, das für mich nach einem Fantasy-Buch klang und von dem ich noch nie zuvor gehört hatte. Als ich an der Kasse war, bemerkte ich die Blicke der anderen Kunden, die mich wohl schon länger kritisch beobachteten. Auch der schiefe Blick der Verkäuferin entging mir nicht. Hatte ich etwas Außergewöhnliches an mir? Ich wollte nur noch aus der Buchhandlung verschwinden. Nachdem ich bezahlt hatte, ging ich erleichtert auf meine Freundin zu, die schon draußen auf mich wartete. „Ist dir aufgefallen, wie die mich beobachtet haben?“, fragte ich sie. „Das hast du dir bestimmt nur eingebildet. Komm, lass uns gehen. Wir haben nicht mehr viel Zeit“, gab sie zurück.

In dem Buch Shades of Grey geht es um die 21-jährige Literaturstudentin Anastasia Steele, die ihre Freundin vertritt und für sie zu einem Interview für die Uni-Zeitung fährt. So stößt sie auf den reichen und ebenso selbstbewussten wie attraktiven Unternehmer Christian Grey, von dem sie zuvor nichts wusste. Schnell merkt Ana, dass sie sich von ihm angezogen fühlt und möchte ihn schnellstmöglich vergessen. Ana ist unerfahren in der Liebe und die Begegnung mit Christian hat sie zutiefst verwirrt. So sehr sie dagegen ankämpfte, kam sie nicht von ihm los. Seine tiefen grauen Augen gingen ihr nicht mehr aus dem Kopf. Christian hatte etwas, das etwas in ihr berührte. Doch als er plötzlich vor ihr steht, kann sie ihre Gefühle für ihn nicht mehr unterdrücken und gibt nach. Von da an ist nichts mehr wie zuvor. Christian führt Ana in eine dunkle, gefährliche Welt der Liebe. Eine Welt von der Ana nicht besonders viel Ahnung hat, vor der sie zurückschreckt und die sie doch mit unwiderstehlicher Kraft anzieht.

Unvorgenommene Lektüre

Als ich anfing das Buch zu lesen fiel mir nichts Besonderes auf. Mir wurde nur klar, dass ich mich getäuscht hatte und es doch kein Fantasy-Roman war. Das Buch gefiel mir sofort, denn es war sehr einfach zu lesen. Ich konnte es gar nicht mehr aus der Hand legen. Kapitel für Kapitel verschlang ich. Doch plötzlich als es in der Geschichte zu einem Wendepunkt kam, begriff ich, dass es kein „normales“ Buch war. Erschrocken legte ich es auf die Seite und sortierte erst einmal meine Gedanken. Es kamen Wörter darin vor, die ich noch nie zuvor in einem Buch gelesen hatte. Jedoch packte mich die Neugier und ich las weiter. Als ich dann fertig war, war ich total begeistert von der Geschichte. Es war nicht wie die üblichen Bücher, die ich las und natürlich auch keine „Gutenachtgeschichte“. Jedoch sollte man es einmal gelesen haben.

Eine Woche nach dem Geschehen war ich schon wieder aus dem Urlaub zurück. Ich traf mich mit meiner Freundin auf einen Kaffee in Stuttgart. Gemeinsam schlenderten wir über die Königstraße, als sie plötzlich sagte: „Ist das nicht dein Buch?“ Unwissend schaute ich von weitem auf die Buchhandlung und entdeckte mehrfach das Buch Shades of Grey im Schaufenster. „Scheint wohl berühmt zu werden“, zwinkerte ich ihr zu. Spontan entschloss ich mich in die Buchhandlung zu gehen, um mich nach dem zweiten Teil der Geschichte umzusehen. Doch plötzlich fand ich Shades of Grey unter „Erotikbücher“. Klar, das war keine übliche Liebesgeschichte. Phantasiewesen kamen auch nicht vor, aber gleich Erotik? Hinter mir hörte ich zwei Mädchen über das Buch tuscheln. „Das ist das Pornobuch! Wer liest denn bitte so etwas? Ist doch nur für Hausfrauen!“, sagte das eine Mädchen zu dem anderen. Pornobuch? Ich hatte es doch auch gelesen. Musste wohl ein Irrtum sein. Aber kein Wunder, dass viele Menschen dachten, dass es ein Pornobuch ist, denn wie ich herausfand, stellten es die Medien regelrecht so dar. Überall wurde davon berichtet. Jeder fing an, es zu kritisieren. Auch die, die es noch nicht einmal gelesen hatten.

Erika Leonard, die als E. L. James bekannt ist, lebt gemeinsam mit ihrem Mann und ihren zwei Söhnen in London. Sie arbeitet seit 1999 als Produktionsleiterin bei der Fernsehproduktionsfirma Shooting Stars. Ihren großen Durchbruch hatte sie 2011 durch die Trilogie Fifty Shades of Grey, die erst einmal bei einem kleinen australischen Verlag erschien. Viel Werbung brauchte das Buch nicht. Allein durch Mundpropaganda wurde es zu einem erstaunlichen internationalen Erfolg. Auch die Übersetzungsrechte wurden in zahlreichen Ländern verkauft. Was viele nicht wissen, ist das E. L. James Fifty Shades of Grey 2009 zuerst unter dem Titel The Master of the Universe als Fanfiction zu Stephenie Meyers Twilight-Saga auf vielen verschiedenen Fanfiction Seiten veröffentlichte. Die bekannten Figuren Edward und Bella wurden dann zu Snowqueens Icedragon. In Fanfiction werden unter anderem oft erotische Aspekte ausgeführt, die bei den Originaltexten nicht vorkommen. Nicht lange nach der Veröffentlichung des Buches, gab es schon von überall Kritik.

Plötzlich kennt jeder das Buch

Wochen über Wochen vergingen und plötzlich kannte jeder das Buch. Es war überall. Ob Buchhandlung oder Supermarkt, jeder bot es an. Als dann endlich im Oktober 2012 der zweite Band zu Shades of Grey erschien, ging ich sofort in eine Buchhandlung, da ich die Fortsetzungen kaum erwarten konnte. Schnell wurde ich fündig. Das Buch konnte man auch nicht mehr übersehen. Entschlossen nahm ich es in die Hand und ging zur Kasse. Die Verkäuferin, die etwa in meinem Alter war, sah das Buch und lächelte mich an. „Sie kaufen wirklich dieses Buch? Meine Freundin hat mir schon davon erzählt. Ist das wirklich so pervers?“, fragte sie ungeniert. Da ich diese Reaktion von ihr bereits erwartet hatte, antwortete ich ihr trocken: „Lesen Sie es sich durch und bilden Sie sich Ihre Meinung. Es ist gar nicht so, wie es in den Medien dargestellt wird.“ Verwirrt gab sie mir mein Rückgeld.

Auf dem Weg fielen mir immer wieder die Blicke der Menschen auf, welche das Buch in meiner Hand erkannten. Wieso reagierten die Leute so darauf? Ich fing an mich mit diesem Buch zu beschäftigen und recherchierte. Ich fragte mich, warum die Meinungen dazu so weit auseinander gingen. Einerseits denken die Leute, dass das Buch viel schlimmer ist, als es ist und kaufen es deswegen nicht, andererseits kaufen es auch viele, weil ein großer Hype darum gemacht wird. Das Publikum wird regelrecht von den Medien beeinflusst. Begriffe wie „Mummy Porn“ oder „Hausfrauen-Buch“ tauchten plötzlich auf. Da stellt man sich die Frage, ob es wirklich ein Porno ist? Wahrscheinlich ist es das, was eine Hausfrau für Porno hält oder noch an Pornographie zu ertragen bereit ist. Jedoch gibt es einen Unterschied zwischen dem, was man als Erotik, als körperliche Liebe oder Pornographie, die direkte Darstellung der menschlichen Sexualität, versteht. Was hauptsächlich kritisiert wurde und wieso es auch zu einem Skandalbuch wurde, waren die vielen Details von Sadomasochismus-Praktiken, die von Unterwerfung, spielerische Bestrafung, Dominanz oder Fesselungen handeln.

Klebeband auf dem Cover

Nach The Master of the Universe schrieb E. L. James weitere Fortsetzungsgeschichten und veröffentlichte das Ganze auf ihrer eigenen Webseite, die dann später gelöscht wurden. Auch ihre Figuren bekamen einen Namen. Das Buch wurde ab Mai 2011 erstmals als Taschenbuch herausgegeben. Das zweite Buch Fifty Shades Darker folgte im September 2011 und das dritte Fifty Shades Feed im Januar 2012. Im April 2012 veröffentlichte der Knopf Verlag in den USA die Trilogie. Um mit der enormen Anfrage Schritt zu halten, ließen sie wöchentlich bis zu 950.000 Exemplare der Romane nachdrucken. Allein in den USA wurden die Exemplare über 20 Millionen Mal verkauft. Der Fans zuliebe wird die Trilogie zu Shades of Grey im Januar 2013 verfilmt. Universal Pictures und Focus Features kauften bereits die Filmrechte. Die Produktion dazu übernehmen Michael De Luca und Dana Brunetti, die auch schon für den Film The Social Network bekannt geworden sind.

Wieder und wieder will man sich dieses Buch durchlesen. Es ist durchaus einfach zu lesen und auf eine ungewöhnliche Art interessant. Eine bestimmte Zielgruppe für diese Buch-Reihe gibt es nicht. Sowohl Frauen wie auch Männer lesen diese Bücher. Ob mit hinter Klebeband verstecktem Cover in der S-Bahn oder heimlich unter der Decke, sie tun es. Wie bei jedem Buch, trifft das nicht jeden Geschmack, dennoch sollte man sich nicht von den Medien beeinflussen lassen.

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