Asylbewerber: Heute wär ich gerne Spiderman!

Flucht ist allgegenwärtig, nicht nur aus Kriegsgebieten. Tagtäglich kommen immer mehr Menschen nach Europa, nach Deutschland. In den vergangenen Monaten schwankt die Bevölkerung zwischen Ablehnung und Willkommen. Wie geht es den Asylbewerbern wirklich? Wie ist ihr Empfinden, ihr Alltag? Und was sagen die Behörden zu diesem Problem?

Mitte Februar. Auf den Straßen in Stuttgart liegt Frost und der Atem gefriert zu weißen Wölkchen. Das Gebäude ist unscheinbar, man muss erst auf einen Hof gehen, vorbei an einer ausgedienten Schranke. Über dem Eingang prangt noch das alte Hostel-Schild und an der Tür hängt eine Mitteilung der Heimleitung. „Achtung“, steht darauf, „keine Backwaren liefern. Die Bewohner essen diese nicht, und es entstehen zu viele Kosten für die Entsorgung. Wer zuwider handelt, muss mit einer Anzeige rechnen.“

Keine Gardinen. Keine Teppiche. Nur ein Poster mit Sonnenuntergang und Seelandschaft soll den Flur heimeliger gestalten. Vor den schweren Eisentüren bleiben wir stehen und klopfen. Ein Mal. Zwei Mal. Keine Reaktion. Die Klingel hat die Heimleitung abgebaut. „Es kommt klar immer darauf an, wo man ist, doch hier ist die Leitung nicht freundlich. Man sieht das ja – keine Klingel, kein Besuch und keine Eingliederung in die Gesellschaft. Das macht das Abschieben leichter“, verrät uns Patricia Söltl und rückt ihre Strickmütze zurecht.

Vor verschlossener Tür

Patricia engagiert sich für Asylbewerber. Sie begleitet sie auf Behördengängen und organisiert Ausflüge für die Kinder, damit diese dem tristen Alltag entkommen können. Auch rief Patricia die Facebook-Gruppe „Refugees, welcome to Stuttgart“ ins Leben. „Wir agieren als Bindeglied zwischen den Menschen, und bearbeiten ganz unterschiedliche Anfragen. Mal sind es Kleidungspenden, mal braucht jemand einen Kühlschrank. Diese Bitten stellen wir auf die Seite und vermitteln die Sachen weiter. So kommen die Menschen mit den Asylbewerbern in Kontakt und helfen“, erklärt Patricia, während wir noch warten. Es ist nicht das erste Mal, dass sie vor verschlossenen Türen steht. Zwar hatte Patricia alle über unser Kommen informiert, aber es passiert schon mal, dass niemand auf eine SMS antwortet. „Das hat gute Gründe. Ich weiß nicht, ob der Akku aufgeladen ist, und manche sparen sich ihr Guthaben für wichtige Anrufe auf.“

Doch dann öffnet sich die Tür und eine Afrikanerin mit einem kleinen Kind auf dem Arm strahlt uns an. Das ist Lydia. Lydia kommt mit ihrem Mann und ihren beiden Söhnen aus Nigeria. Über Italien sind sie nach Deutschland geflüchtet. Ihr jüngster Sohn wurde sogar hier geboren und bekam damit die deutsche Staatsbürgerschaft. Die fünfköpfige Familie lebt in einem Zimmer, denn jedem Asylbewerber stehen nur 4 qm zu. Platz für Privatsphäre gibt es nicht. Alles ist eng. Ein großes Bett. Kein Schrank. Ein Fernseher. Kinderspielzeug. Der Versuch von einem bisschen Gemütlichkeit.

So ergeht es vielen Flüchtlingen: Sie nehmen entweder den Land- oder den Seeweg. Egal wie – die Reise ist immer gefährlich. Und oft werden die Menschen ausgebeutet von Banden, welche den Flüchtlingen ihr hart erspartes Geld abnehmen, um sie auf Booten eingepfercht wie Vieh an die Küsten Griechenlands oder Italiens zu bringen. Dann geht die Tortur weiter. Schafft man es nach Deutschland, wird man über Karlsruhe in die einzelnen Bundesländer verteilt. Dies erfolgt über einen Schlüssel, sodass jedes Bundesland so viele Menschen aufnehmen muss, wie es Möglichkeiten zur Unterbringung hat.

Alle Schilder nur auf Deutsch

Das Sozialamt in Stuttgart wird zur Anlaufstelle. Ein großes Gebäude aus Stahl in der Nähe des Rotlichtviertels. Hier müssen sich die Asylbewerber der Bürokratie stellen. Das Informationsschild: nur auf Deutsch. Damit wird es zum Glücksspiel das Amt zu finden, denn die wenigsten Menschen, die hier her kommen, sind der deutschen Sprache mächtig. Kaum Fenster. Schmale Flure. Muffige Luft. Büroatmosphäre. Auf Kinderstühlen – andere Stühle gibt es hier nicht – sitzen zwei Asylbewerber. Während der eine an die Wand starrt, hat der andere seinen Kopf auf den Tisch gelegt. Was ist das für ein Gefühl, seine Tage hier zu verbringen und zu warten, was aus einem wird?

Frau Christy, Frau Klitsch-Znidaric und Herr Gerstenberger sind für das weitere Verfahren mit den Asylbewerbern zuständig. „Wir verteilen die Menschen auf die Asylbewerberheime innerhalb von Stuttgart. Diese sind an verschiedenen Orten, damit nicht zu viele Flüchtlinge auf einen Ort zusammenkommen und so Subkulturen entstehen. Zudem sind wir für das Beschwerdemanagement, die Stellenvermittlung und die Vermittlung von Sprachkursen zuständig“, erzählt Herr Gerstenberger, der Leiter der Flüchtlingsstelle.

Aber auch hier wimmelt es an Problemen: „Zwar hat die grüne Regierung in Baden-Württemberg erwirkt, dass die Asylbewerber statt vier Jahren der Überprüfung nur noch 15 Monate Verfahren über sich ergehen lassen müssen, aber das ist natürlich immer noch zu lang. Die Menschen wollen arbeiten, und viele von ihnen auch Deutsch lernen, denn nur damit können sie sich hier einleben. Aber an ausgebildeten Sprachlehrern mangelt es“, verrät uns Walter Ercolino, ein Mitglied der Grünen, welcher sich selbst auch privat für die Asylbewerber einsetzt. Seiner Meinung nach wird noch nicht genug getan. „Aufklärung in der Bevölkerung – dafür muss die Politik sorgen. Man muss den Menschen klar machen, dass die Asylbewerber nicht auf unsere Kosten hier sein wollen. Wie schlimm muss es sein, wenn man seine Heimat freiwillig verlässt?“ Bei diesen Worten seufzt er.

Die Falle des „sicheren Drittlandes“

Gerade die Flüchtlingswelle aus dem Kosovo steigt im Moment drastisch an. Allein im Januar 2015 zählt man 3.908 Flüchtlinge – eine unvorstellbare Zahl. Dabei wird der Kosovo als „sicheres Herkunftsland“ eingestuft, was bedeutet, dass bei einer Aufforderung zur Ausreise den Flüchtlingen kaum rechtliche Möglichkeiten zur Berufung bleiben. Die Balkanstaaten und Länder wie Nigeria gelten als „sicher“. Aber auch wer aus einer Krisenregion flüchtet und über ein „sicheres Drittland“ – wie Griechenland – nach Deutschland einreist, hat kein Bleiberecht. Ferner sind ethnische Gruppen wie die Sinti und Roma von den Problemen betroffen: „Sinti und Roma haben kein Recht auf Asyl, da sie als politische Gruppe nicht verfolgt werden“, sagt Herr Gerstenberger. Dass viele Sinti und Roma in ihrer Heimat trotzdem Ausgrenzung erfahren und als Menschen zweiter Klasse behandelt werden, spielt keine Rolle.

Auch Enis und Valentina gehören dieser ethnischen Gruppe an. Beide Kinder sind mit ihren Eltern nach Deutschland gekommen, auf der Suche nach Sicherheit. Enis ist letzten Mittwoch acht geworden, wie er uns strahlend berichtet. Das Deutsch der beiden ist sehr gut geworden. Wenn sie mit anderen Kindern zusammen sind, dann lernen sie die Sprache automatisch. Zu Hause im Asylbewerberheim holt sie der Alltag wieder ein, wenn sie sich zusammen mit 60 weiteren Personen sechs Duschen teilen müssen, oder Lydias kleiner Sohn im Nebenzimmer nachts so laut schreit, dass keiner von ihnen mehr ein Auge schließen kann. In der Schule hat es Enis nicht leicht, wie er uns anvertraut: „Die Lehrerin mag ich nicht. Sie schreit uns immer an und sagt, dass unsere Eltern dumm sind, aber das sind sie nicht.“ Der Junge schweigt. Dann lächelt er uns zahnlückenblitzend an. „Aber später, wenn ich groß bin, dann werde ich wie Spiderman!“ Beim Abschied umarmt uns Valentina noch einmal fest. „Ihr kommt doch wieder, oder?“, fragt sie noch.

Auf dem Weg nach unten begegnen wir einem jungen Serben auf der Suche nach einem Internetzugang, damit er nach Hause skypen kann. Es ist ein studierter Mann, doch aus Angst vor der Abschiebung schmiss er seinen Ausweis und seine Zeugnisse weg. Nun kann er bestenfalls in einem Kiosk arbeiten – wenn er Glück hat. Als die Tür zum Asylheim hinter uns ins Schloss fällt, frage ich mich: Was schließt sie ab? Die Außenwelt, oder die Welt innen?


Diese Reportage belegte im Spiegel-Schülerzeitungswettbewerb 2015 den 3. Platz in der Kategorie Reportage. Was die Jury dazu meinte, lest Ihr hier.
Ausgezeichnet wurden Saskia Dreßler (Text und Recherche) sowie Melisa Özel und Samira Werthschitzky (Recherche)