„Neuerdings reden wir auch gern von Inklusion.”

ICH BIN im Gespräch mit Herrn Gerstenberger

Flüchtlinge und die Schule

ICH BIN Saskia: Thema Integration. Wie wird den Kindern geholfen, sich einzufinden?

Herr Gerstenberger: Wir verwenden hierfür lieber der Begriff Eingliederung. Der Begriff Integration ist oftmals weniger angebracht, neuerdings reden wir auch gern von Inklusion.

Frau Klitsch-Znindaric: Der Sozialdienst ist vor Ort. Wir schauen, dass die Kinder auf dem schnellsten Weg in den Kindergarten kommen und mit sechs Jahren eingeschult werden. Hierfür gibt es extra Integrationsklassen für Neuankömmlinge, die noch kein Deutsch können. Ansonsten haben wir auch super engagierte Ehrenamtliche, beispielsweise die sogenannten Freundeskreise, die dann zum Beispiel zur Nachhilfe oder Hausaufgabenbetreuung dienen.

ICH BIN Melisa: Wie wird das finanziell unterstützt – also vor allem die Familien mit Kindern? Denn wenn ein Kind zur Schule geht, nimmt es auch an Ausflügen teil oder braucht Schulbücher.

Frau Klitsch-Znidaric: Die Flüchtlinge bekommen Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsprinzip. Das verwaltet unsere andere Abteilung vom Sozialamt in der Gaisburgstraße. Man kann aber sagen, diese Leistungen sind ein bisschen geringer als Harz IV.

Herr Gerstenberger: Im Grunde genommen sind Flüchtlinge nicht mehr benachteiligt. Früher erhielten sie nur Taschengeld und Sachleistungen, heute müssen Barleistungen reichen. Bei Details wie dem Schullandheim kommt es immer auf den Einzelfall an. Wenn die Schule beispielsweise einen Englandaufenthalt plant, ist die Frage: Wie bekommt das Kind ein VISA für den Aufenthalt? Wenn es um Kosten geht, ist die Erfahrung, dass die Lehrer oft sehr kreativ werden, Lösungen finden und dabei auch von Ehrenamtlichen unterstützt werden. In der Praxis scheitert es aber weniger an solchen Dingen, sondern eher an den kulturellen, wie der Religion oder der Konsequenz der Eltern, mit welcher, vor allem auch im Fall des Sportunterrichts oder einem Schwimmbadbesuch, behutsam umgegangen werden muss. Die Kinder sollen ja an diesen Aktivitäten teilnehmen können und nicht in ihrer Kultur isoliert aufwachsen.

Flüchtlinge und der Arbeitsmarkt

ICH BIN Melisa: Haben die Flüchtlinge auch die Möglichkeit, Arbeit zu finden oder Deutschkurse zu besuchen?

Frau Klitsch-Znidaric: Deutschkurse bekommen sie. Was die Arbeit betrifft, kommt es immer auf ihren Status an [also ob sie noch Asylbewerber oder schon Asylanten oder anerkannte Flüchtlinge sind, bzw. ob nur Schutzanspruch oder Abschiebungsverbot besteht – ICH BIN].

Herr Gerstenberger: Im Moment ist es so: In den ersten fünfzehn Monaten, ab der Einreise in die Bundesrepublik, können die Flüchtlinge sich eine Arbeit suchen, müssen dafür dann aber einen Antrag stellen. Dieser Antrag auf Arbeitserlaubnis wird dann von der Bundesbehörde geprüft. Dabei wird dann erst einmal geschaut, ob für diese Arbeitsstelle hier in Stuttgart ein Bewerber existiert, der diese Arbeit ebenfalls machen kann, und erst, wenn niemand anderes dafür in Frage kommt, bekommt der Bewerber eine Arbeitserlaubnis. Wenn der Bewerber schon länger als 15 Monate in Deutschland ist, fällt diese Bedingung weg.

ICH BIN Saskia: Jetzt haben es ja Asylbewerber gar nicht so leicht eine Arbeit zu bekommen, gleichzeitig wird aber gesagt, in Deutschland herrsche einen Fachkraftmangel. Einige Flüchtlinge hätten eventuell diese benötigten Kompetenzen. Gibt es also nicht eine Möglichkeit das Ganze zu beschleunigen und so auch zu versuchen neue Arbeitsplätze zu schaffen?

Herr Gerstenberger: Wir als Stadt Stuttgart haben den Vorstoß von verschiedenen Parteien, diese 15-Monatsregelung auf 3 Monate zu verkürzen. Mit dieser Maßnahme könnten wir dann versuchen, genau diese Leute auf dem Arbeitslatz zu verteilen.

Flüchtlinge und die Perspektiven

ICH BIN Saskia: Würden Sie sagen, dass es, für Baden Württemberg gesprochen, unter der jetzigen Regierung eine Besserung im Asylbereich gegeben hat?

Herr Gerstenberger: Erhebliche Fortschritte! Wie durch das Flüchtlingsaufnahmegesetz von 2014. Und auch auf finanzieller Ebene hat sich seither verbessert.

ICH BIN Melisa: Denken Sie, dass es in Zukunft weniger Flüchtlinge geben wird oder eher mehr?

Herr Gerstenberger: Wir zählen die Flüchtlinge, die in Stuttgart sind und die UNO zählt die, die es weltweit gibt. Die Zahl der Flüchtlinge auf der Erde ist seit 1945 auf dem Höchststand. Wenn Sie zudem die Zahl der bewaffneten Konflikte auf der Erde anschauen, welche immer weiter ansteigt, dann haben wir auch hier leider eine negative Tendenz. Was aus meiner persönlichen Sicht noch hinzukommt ist die momentane CO2-Situation in der Atmosphäre und die Klimaerwärmung, welche dazu führen werden, dass ganze Landstriche unbewohnbar sind und Inseln und Länder unter Wasser stehen. Die Ernährungssituation auf bestimmten Breitengraden wird sich dramatisch verschlechtern und dies wird zu riesigen Fluchtbewegungen führen.

ICH BIN Saskia: Da wir überwiegend für junge Menschen berichten, noch eine letzte Frage bezogen auf unsere Leser: Was könnten den jetzt junge Menschen tun, um zu helfen und sich sozial zu engagieren?

Herr Gerstenberger: Ich erwähne jetzt einmal etwas ganz Banales. Wir haben zwar sehr viele Freundeskreise, Ehrenamtliche und auch eine bestimmte Struktur, die vorhanden ist, aber die Jugendlichen unter den Flüchtlingen sind in einer gewissen Art und Weise die schwierigste Personengruppe, denn diese Altersgruppen sitzen zwar überall herum und gehen auch zu bestimmten Locations, aber es findet nie ein wirkliches gegenseitiges Kennenlernen statt.

Frau Christy: Das Beste ist es immer, sich eine eigene Meinung zu bilden und nicht auf das zu vertrauen, was in den Nachrichten steht. Man kann durchaus selbst einmal in die Flüchtlingsunterkünfte hineinschauen oder sich ehrenamtlich engagieren. Auf jeden Fall, nicht nur auf die Älteren hören und nie die Augen verschließen! Vor allem aber sollten die Jugendlichen die Schule nutzen, sich in den eigenen Klassen umschauen, woher denn diese Menschen eigentlich kommen, und ob dort eventuell ein Flüchtling dabei ist oder jemand, der eine Geschichte darüber hat. Neben dir könnte nämlich jemand sitzen, der genau darüber Bescheid weiß.

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