„Neuerdings reden wir auch gern von Inklusion.”

ICH BIN im Gespräch mit Herrn Gerstenberger

Flüchtlinge und die Vorurteile

ICH BIN Melisa: Was die deutschen Möglichkeiten und die deutsche Bereitschaft Flüchtlinge aufzunehmen, hört man häufig den Ausspruch „Das Boot ist voll.“Ist es da?

Herr Gerstenberger: Das hat sich in den letzten ein bis zwei Jahren aber zum Guten gewandelt. Hier sind wir auch beim Thema Journalisten: Die Medien, also auch die konservativen Medien, die in Baden-Württemberg die Mehrheit bilden, haben ihre Sprache umgestellt und vermeiden seit geraumer Zeit die Stigmatisierung von Flüchtlingen. Sie lesen diesen Spruch nicht einmal mehr in der Bild-Zeitung. Dadurch, dass die Medien hier jetzt sachlicher über das Thema berichten, entstehen in der Bevölkerung auch weniger Vorurteile.

ICH BIN Saskia: Ein Beispiel von mir: Ich sitze im Bus und höre eine Frau, die sehr laut in ihr Telefon schimpft. Ich vermute zuerst, sie schimpft über PEGIDA, dann stellt sich aber heraus, es sind Asylbewerber, über die sich die Frau aufregt. Sie fügt dann noch hinzu, dass es so etwas unter Hitler nicht gegeben hätte. Wie können Sie jetzt sagen, dass die Entwicklung positiver wird? Wird mit so einer Situation nicht eher das Gegenteil bestätigt?

Herr Gerstenberger: Also, diese Frage ist natürlich immer berechtigt, besonders in Deutschland, schon aus historischen Gründen. Aber bei der Frage müssen wir heute im Jahre 2015 ein bisschen differenzieren, in welcher Gegend wir uns befinden. Wir haben ja große Unterschiedlichkeiten zwischen den neuen und den alten Bundesländern, und dort wo PEGIDA auf die Straße geht. Wir haben hier einfach schon eine gewisse Erfahrung, vor allem seit Ende der 50er Jahre, als wir das die Aufnahme von Migranten begonnen haben. Unsere Aufgabe in dem Zusammenhang ist es, die Unterbringung im Vorfeld natürlich akribisch zu planen. Dazu gehört eben auch besonders, dass wir das Umfeld – wir sagen heute die Sozialorientierung – mit einbeziehen. Das bedeutet, Leute von uns gehen vor Ort zu großen Veranstaltungen und versuchen selbstverständlich viele Informationen an die Bürger zu transportieren, um zu verhindern, dass aus Unwissenheit solche Aussprüche gemacht werden.

Flüchtlinge und die Nachbarn

ICH BIN Saskia: Wenn man jetzt aber zum Beispiel aus Hamburg – welches nicht zu den neuen Bundesländern zählt – nimmt, wo im noblen Viertel Harvestehude Asylbewerberheime gebaut werden sollten, haben die Leute dagegen geklagt. Sie fürchteten eine Wertminderung ihrer Immobilien, dabei besteht ja keine unbedingte Wertminderung. Das hat jetzt nicht mehr mit der Unterscheidung in Ost und West zu tun.
Ein anderes Beispiel habe ich von einer meiner Lehrerinnen, die einen Brief im Briefkasten vorgefunden hat, indem Dinge wie „Asylanten raus“ und „Sie vergewaltigen unsere Kinder“ zitiert sind. Irgendwie muss sich die Grundstimmung insgesamt ja schon geändert haben.

Herr Gerstenberger: Ich würde das als Einzelfälle betrachten. Solche Fälle sind bei uns hier in Stuttgart auch schon aufgetreten, denen wir natürlich auch nachgegangen sind. Aber wir sind ja hier nur die Verwaltung. Das ist dann schon eher die Aufgabe der Polizei. Die schauen dann nach bestimmten Inhalten und können das besser beurteilen. Der Verfassungsschutz spekuliert auch immer wieder über Organisationen, die dahinter stecken könnten. Das können wir hier in Stuttgart aber ausschließen, so finden wir hier ja zum Beispiel auch keine PEGIDA-Demonstrationen. Natürlich gibt es Anhänger, und fünf Anläufe hat es auch schon gegeben – die Gegenbewegung war jedoch jedes Mal zu groß.

ICH BIN Saskia: Wie finden Sie es denn persönlich, wenn jemand klagt: Ich möchte keine Asylbewerber hier haben, weil mein Grundstückwert dadurch gemindert wird.

Herr Gerstenberger: Wir haben gerade die politische Situation besprochen. Jetzt wird hier ein Wohnheim für Flüchtlinge errichtet und wird dagegen geklagt. Es wurde auch ein Kindergarten oder Altersheim gebaut, und Leute haben dagegen geklagt. Aus einem aktuellen Beispiel, in Feuerbach, in welchem gegen den Bau einer Unterkunft geklagt wurde, woraus daraufhin ein Verwaltungsverfahren entstand und geprüft wurde, kam man zu dem Ergebnis, das Ansinnen der Nachbarn abzulehnen, da keine Wertminderung anzunehmen ist. Das Heim wird gebaut.

ICH BIN Saskia: Würde ein bisschen mehr Öffentlichkeitsarbeit hier nicht helfen? In der Schule werden die Themen Globalisierung und Integration sehr häufig angesprochen. Dabei hört man immer wieder das Argument „Wenn zu viele Menschen in einem Land sind, dann geht unsere Kultur verloren.“ Bei uns als Abiturienten – und somit praktisch Erwachsenen – kann man hier kaum noch dagegen wirken. Sollte man also nicht bereits den Kindern zeigen, dass die Aussage nicht der Wahrheit entspricht? Man gewinnt ja eher etwas hinzu.

Herr Gerstenberger: Das Ziel der städtischen Politik ist es, eine Art gegenseitiges Geben und Nehmen bei der Einbringung neuer Kulturen, zu schaffen, was jetzt vor allem auch in den Sport übertragen werden soll, um den Vorurteilen entgegen zu wirken. Wenn man die deutsche Geschichte betrachtet, flossen immer wieder Einflüsse anderer Kulturen in unsere mit ein – was Ihnen Sprachwissenschaftler durchaus nachvollziehbar machen können. Sie haben Recht, Aufklärung im Sinne von Bildung ist sehr wichtig, und wir versuchen hier auch unseren Beitrag zu leisten. Wir gehen mit dem Thema Flüchtlinge offensiv um, berichten mindestens einmal im Jahr im Gemeinderat, schreiben einen sogenannten „Stuttgarter Flüchtlingsbericht“ und stellen alle Aspekte und Probleme zu diesem Thema dar.

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