„Neuerdings reden wir auch gern von Inklusion.”

ICH BIN im Gespräch mit Herrn Gerstenberger

Asylbewerber

Durch lange Gänge, in welchen sich Tür an Tür nur drängt, hat sich unser ICH BIN-Interviewteam auf den Weg gemacht, um mit dem Stuttgarter Sozialamt über das Thema Asylbewerber zu sprechen. Herr Gerstenberger und seine Mitarbeiterinnen Frau Klitsch-Znidaric und Frau Christy gewähren uns einen Einblick in den Umgang mit Asylbewerbern und ihre Verwaltung.

Flüchtlinge und die Verwaltung

ICH BIN Melisa: Wir sind noch ganz überrascht von dem ersten Eindruck. Dieses Gebäude ähnelt eher dem eines Büros als einer Anlaufstelle. Kommen die Asylbewerber denn von selbst hier her? Wie läuft das ab?

Frau Klitsch-Znidaric: Die Asylbewerber werden uns von der Landesaufnahmestelle für Flüchtlinge in Karlsruhe zugeteilt. Eine per Quote bestimmte Anzahl von Menschen kommt bei uns hier an und wird auf die Unterkünfte verteilt. Die illegal Eingereisten kommen oft aber auch direkt vor unsere Türe.

ICH BIN Melisa: Kann es auch mal passieren, dass Sie sagen, sie sind überfüllt, oder Sie müssen jemanden zurückschicken?

Frau Klitsch-Znidaric: Das Gute ist, dass wir das nicht entscheiden.

Herr Gerstenberger: Also das sind jetzt verschiedene Dinge, die angesprochen wurden. Artikel 16a des Grundgesetzes gilt als Grundrecht. [Dort heißt es „Politisch Verfolgte genießen Asylrecht.“ – ICH BIN] Dieser Paragraph gilt, unabhängig davon, wie viel Kriege auf der Erde herrschen. Es gibt unterschiedliche Möglichkeiten, wie die Flüchtlinge hier her gelangen, aber wenn jemand die Bundesrepublik Deutschland betritt – egal auf welche Art und Weise – und das Wort „Asyl“ sagt, wird er als Asylbewerber behandelt, durchläuft das Verfahren und die Verteilung im Bundesgebiet. Hier in Stuttgart sind wir baden-württembergweit die größte Gemeinde bzw. Kommune und nehmen natürlich auch die meisten Flüchtlinge auf. Platzmangel ist kein Grund, für eine Abweisung.

ICH BIN Saskia: Und wie ist die Unterbringung? Wie viele Menschen werden wohin verteilt?

Frau Klitsch-Znidaric: Aktuell haben wir derzeit [Anfang 2015 – ICH BIN] um die 200 Flüchtlinge im Monat. Diese Zahl hat sich deutlich erhöht. Wenn wir von Karlsruhe die Meldung bekommen, wie viele Flüchtlinge wann zu uns kommen, bestimmen wir vor Ort, in welche Unterkünfte sie verteilt werden. Wir haben insgesamt 69 Flüchtlingsunterkünfte im gesamten Stuttgarter Kreis. Dabei ist natürlich wichtig, dass nicht alle von einem Herkunftsland in derselben Unterkunft untergebracht werden.

Frau Klitsch-Znidaric: Jedem Flüchtling stehen 4,5 Quadratmeter in einer Unterkunft zur Verfügung. Dabei teilen sich ca. 25 Flüchtlinge die Küche und sanitäre Anlagen auf einem Stockwerk.

ICH BIN Saskia: Das bedeutet, bei einer mehrköpfigen Familie wird die Quadratmeterzahl addiert?

Frau Klitsch-Znidaric: Genau. In einigen Einrichtungen gibt es dafür extra Familienzimmer. Manchmal kann eine größere Familie auch auf zwei nebeneinander liegende Zimmer verteilt werden, damit sie zusammen bleiben.

Flüchtlinge und die Betreuung

ICH BIN Melisa: Werden die Flüchtlinge in den Unterkünften auch betreut oder bekommen sie regelmäßige Besuche?

Frau Klitsch-Znidaric: In den Unterkünften gibt es Sozialarbeiter von verschiedenen Trägern, wie der AWO [Arbeiterwohlfahrt], der EVA [Evangelische Gesellschaft – ICH BIN] oder der Caritas, die direkt vor Ort sind, wenn die Flüchtlinge ankommen. Diese müssen sich direkt im Bürgerbüro anmelden oder haben natürlich Fragen zu der Aufenthaltsgestattung und der Ausländerbehörde.

ICH BIN Melisa: Kommen die Flüchtlinge denn auch einmal hier in das Gebäude?

Frau Christy: Ja, schon auf Grund genereller Fragen oder ihres Statutes. Sie werden dann von uns aus an die zuständigen Behörden vermittelt. Die Kommunikation klappt dabei auch immer ganz gut, entweder auf Englisch, Französisch oder eben in der jeweiligen Landessprachen. Viele bringen auch einen Dolmetscher mit oder Verwandte, die hier leben.

ICH BIN Saskia: Wenn die Flüchtlinge zum Arbeitsamt gehen, sprechen die Mitarbeiter dort oft kein Englisch. Wie wird hier kommuniziert?

ICH BIN Melisa: Bekommt man nicht auch eigentlich erst wirklich Hilfe, wenn man einen Deutschkurs belegt hat?

Frau Christy: Die Frage ist doch auch, bekommt man denn überhaupt einen Job, wenn man die Sprache nicht spricht? In der Regel sind da gewisse Voraussetzungen zu erfüllen. Grundsätzlich finden die Flüchtlinge aber immer einen Weg, das irgendwie hinzubekommen.

Herr Gerstenberger: Die Sprache ist der Schlüssel zur Integration, sagt man ja gelegentlich. Wir haben natürlich auch Menschen mit muttersprachlichen Kompetenzen, die sich auf Flüchtlinge auf dem Arbeitsmarkt spezialisiert haben und das spricht sich herum. In anderen Fällen können wir einen Dolmetscher anfordern, den wir dann bezahlen.

ICH BIN Melisa: Wie ist es für Sie menschlich? Da kommen so viele Menschen aus verschieden Gründen – zum Beispiel den Bürgerkriegen –, und Sie wollen ihnen helfen. Man kann ja auch nicht alles tun.

Frau Christy: Wenn ich von solchen Fällen, ist es schon schwierig. Aber ich denke für einen Sozialarbeiter ist es noch einmal um einiges schwieriger, da diese in intensivem Kontakt mit den Flüchtlingen stehen. Wenn man dann aber einem Fall von seinen eigenen Landsleuten begegnet, macht man sich schon seine Gedanken, man selbst hat aber eben auch nur einen bestimmten Rahmen, den man ausschöpfen kann. Man muss hinnehmen, dass nicht mehr zu machen ist.

Frau Klitsch-Znidaric: Wir können niemanden bevorzugen. Ich bin gebürtig aus Kroatien und bin auch selbst als Flüchtling vor dem Krieg 1991 hier her gekommen. Und dann will man erst recht helfen, aber wir haben eben gewisse Grenzen.

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