Brauchen wir nicht alle einen Schlupfwinkel?

Auf der Straße (gestelltes Symbolbild mit Schülern der AfK und Freunden) (c) 2008 Julika Zimmermann/AfK/katrinknopp.de

Jugendamt bietet manchmal keine Hilfe mehr an

ICH BIN: Wie viele Besucher habt ihr ungefähr?

Lena: Täglich kommen zwischen 15 und 45 Jugendliche hierher. Das ist völlig unterschiedlich. Es gibt einen Stammkreis an Jugendlichen, die öfter kommen. Insgesamt haben wir zwischen 250 und 300 Besucher pro Jahr.

ICH BIN: Wie alt sind die Jugendlichen dann ungefähr?

Lena: Also hier im Schlupfwinkel sind die Meisten dann zwischen 18 und 21, wobei die Mädels aber oft jünger sind als die Jungs. Das kann zum einen daran liegen, dass Mädchen früher in die Pubertät kommen und eher das Bedürfnis, haben sich auszuleben und rausgehen, während es Jungs oft länger zu Hause oder in Heimeinrichtungen aushalten.

ICH BIN: Was, würdest du sagen, sind meist die Gründe, warum Jugendliche dann auf der Straße landen?

Lena: Also ganz oft sind es Jugendliche, die schon Heim- und sehr viel Jugendhilfeerfahrung haben, die auch schon oft vom Jugendamt oder ähnlichen Einrichtungen Hilfeangebote bekommen haben. Und irgendwann sagten sie sich: „Irgendwie passe ich nirgends rein; ich kann nicht in meiner Wohngruppe sein; ich darf nicht zu Hause sein.“ Sie ziehen es dann einfach vor, auf die Straße zu gehen und dort sein zu können, wie sie sind. Ich schätze, dass ist so der Grund, warum die Meisten auf die Straße gehen. Viele sind praktisch durch das komplette System durchgefallen. Da sagt auch das Jugendamt irgendwann: „Für dich bieten wir keine Hilfe mehr an.“ Gerade bei 17-Jährigen ist es oft so, weil die Jugendhilfe mit 18 Jahren aufhört. Daher wird oft schon im Alter von 17 nichts mehr unternommen. Dieses Alter ein Übergang, der ganz schwierig für die Betroffenen ist.

ICH BIN: Welche Möglichkeiten haben die Jugendlichen, wieder aus der Obdachlosigkeit herauszukommen?

Lena: Das ist bei jedem unterschiedlich. Es gibt in Stuttgart grundsätzlich Notübernachtungen, wobei dort die Wartelisten immer ziemlich lang sind. Außerdem ist es eigentlich auch so, dass viele ein bis zwei Hunde haben, und dafür gibt es dann noch weniger Zimmer. Auch bei der richtigen Wohnungssuche ist es super schwierig, in Stuttgart eine Wohnung zu finden, in die man mit Hund einziehen kann. Gerade für die Jüngsten ist eine eigene Wohnung sowieso keine Option: Es gibt Betroffene, die sich übers Jobcenter finanzierte Wohnungen suchen könnten, die sie aber nicht finden können, weil sie unter 18 sind.

Jobcenter haben weniger Verständnis

ICH BIN: Gibt es dann auch wirklich Menschen, die einfach damit zufrieden sind, auf der Straße zu leben?

Lena: Das gibt es tatsächlich. Es gibt Leute, die sagen: „Das reicht mir völlig, alles andere engt mich total ein, und ich bin lieber draußen, als mich irgendwo in eine Wohnung rein zusetzen.“ So etwas ist für uns schwierig zu akzeptieren. Aber gerade wegen unserer Parteilichkeit für unsere Besucher und der Freiwilligkeit von deren Teilnahme müssen wir diese Entscheidung akzeptieren.

ICH BIN: Wie ist die Reaktion von Passanten oder gerade Sachbearbeitern auf die Jugendlichen?

Lena: Da bekommen wir hauptsächlich das Positive mit, beispielsweise wenn die Jugendlichen sagen: „Heute war ein guter Tag, wir haben heute zu essen bekommen, wir haben ganz viel Geld bekommen.“ Aber ich denke, es gibt in der Öffentlichkeit immer eine negative Grundhaltung. Die Sachbearbeiter, mit denen wir zu tun haben – in der Notdienststelle für Wohnungslose beim Jobcenter –, die sind das gewohnt. Sie haben ja viel mit Obdachlosen zu tun. Aber beim Jobcenter U25 ist es dann schon etwas anderes: Die kennen das nicht und haben dann auch nicht so das Verständnis für die Jugendlichen.

ICH BIN: Gibt es auch Jugendliche die ihren Schulabschluss machen, obwohl sie wohnungslos sind?

Lena: Also ich glaube, diejenigen, die ihren Schulabschluss machen, haben tatsächlich auch eine Wohnung, weil es schwierig ist, von der Straße aus zur Schule zu gehen. Das fängt damit an, dass man seinen Ranzen wirklich mal irgendwo vergessen hat, oder er geklaut wurde. Und dann gibt es schon den ersten Stress in der Schule. Außerdem riecht man vielleicht nicht so gut, weil man zwei bis vier Tage nicht geduscht hat. Auf diese Weise fängt es schnell mit Mobbing an. Die Meisten brechen die Schule ab, wenn sie erst mal auf der Straße gelandet sind.

ICH BIN: Aber man kann jetzt nicht verallgemeinern, wer als typischer Jugendlicher auf der Straße lebt, oder?

Lena: Im Gegenteil: Es ist oft so, dass man sie wahrscheinlich gar nicht als Obdachlose auf der Straße erkennen würde. Grundsätzlich gibt es da nicht nur einen Typ. Was vielleicht noch interessant ist, ist dass wir einen Ausländeranteil von unter 5% haben. Tatsächlich sind die Jugendlichen, die hier her kommen, oft auch aus der Mittelschicht, haben irgendwelche Ärzte oder Anwälte als Eltern. Der Grund ist, dass das tatsächlich auch die Familien sind, die sich vor dem Jugendamt gut zeigen können und in denen die Jugendlichen folglich auch gar keine Jugendhilfe bekommen – und dann eben auf der Straße landen.

ICH BIN: Wie würdest du generell den Alkohol- und Drogenkonsum der Jugendlichen, mit denen du zu tun hast, einschätzen?

Lena: Es gibt immer wieder Leute, die viel Trinken, die irgendwelche chemischen Drogen nehmen – aber jetzt nicht so, dass es in die Richtung von extremer Drogenabhängigkeit geht. Wobei es übrigens so ist, wenn jemand, der betrunken ist, hier trotzdem rein darf. Er darf nur hier drin nicht trinken. Nur wenn wir jetzt den Eindruck haben, dass er sich wegen zu hohen Drogenkonsums gar nicht mehr unter Kontrolle hat, wird er auch raus geschickt.

Kochen mit der Oma vom Schlupfwinkel

ICH BIN: Wie wird denn die Einrichtung unterstützt, außer durch ihre Mitarbeiter und Spenden?

Lena: Wir haben einen ehrenamtlichen Kinderarzt, der ein Mal pro Woche zur Sprechstunde her kommt. Wir haben eine Ehrenamtliche, die mittlerweile schon 83 Jahre alt ist und seit 20 Jahren auch wirklich aktiv im Schlupfwinkel mitarbeitet. Sie hat da auch so ein bisschen die Oma-Funktion. Sie kommt zwei Mal die Woche, ist dann morgens einfach da und kocht mit den Jugendlichen. Dann haben wir einen Rechtsanwalt vom Weißen Ring [dem Gemeinnützigen Verein zur Unterstützung von Kriminalitätsopfern und zur Verhütung von Straftaten e. V. – ICH BIN], den wir bei Fragen wegen irgendwelchen Sozialstunden oder ähnlichem immer befragen. Außerdem unterstützt uns noch jemand vom Tierschutz, weil es hier tatsächlich einfach sehr, sehr viele Hunde sind. Es gab mal ein Malangebot, für das eine Künstlerin zu uns kam, aber das fand jetzt in letzter Zeit nicht mehr so regelmäßig statt.

ICH BIN: Jetzt absolvierst du hier ja dein Praxissemester. Was möchtest du denn nach deinem Studium machen?

Lena: Etwas, das in dieselbe Richtung geht – auch irgendeine Art offene Arbeit. Ich kann mir tatsächlich nicht vorstellen im Jugendamt am Schreibtisch zu arbeiten. Man muss sich aber auch auf Vieles einlassen können, weil die Stellen jetzt auch nicht so zahlreich sind. Aber so etwas wie der Schlupfwinkel wäre schon schön, gibt es ja leider in der Art nur ein Mal hier in Stuttgart. Vor allem baut man hier Beziehungen auf und hat Leute jetzt auch über eine längere Zeit begleitet und das wird mir schon fehlen. Hier gefällt mir besonders der freie Kontext, das freundschaftliche, familiäre Verhältnis. Das ist, was an der Arbeit am meisten Spaß macht: einfach Kontakt zu den Jugendlichen zu haben.

Weitere Informationen:
http://www.schlupfwinkel-stuttgart.de/
https://www.weisser-ring.de/

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Die beiden Bilder zu diesem Artikel sind gestellte Symbolbild mit Schülern der Akademie für Kommunikation und Freunden. Natürlich sind Punks und Jugendliche, deren Lebensmittelpunkt die Straße ist, nicht gleichzusetzen. Die Bilder stammen aus der Schülerausstellung Jugendkulturen als Lebensentwurf.
© 2008 Julika Zimmermann/Akademie für Kommunikation