Brauchen wir nicht alle einen Schlupfwinkel?

Auf der Straße (gestelltes Symbolbild mit Schülern der AfK und Freunden) (c) 2008 Julika Zimmermann/AfK/katrinknopp.de

Der Schlupfwinkel ist eine Anlauf- und Kontaktstelle für Jugendliche bis 21 Jahren, die ihren Lebensmittelpunkt auf der Straße haben. Lena Weag studiert Soziale Arbeit und macht dort ihr Praxissemester. Mit ICH BIN sprach sie über ihre Arbeit mit den außergewöhnlichen Jugendlichen.

Warm ist die Atmosphäre im Schlupfwinkel. In der Schlosserstraße 27 in der Stuttgarter Innenstadt liegt er. Die Wände sind bemalt mit kunstvollen Graffiti. Hier gibt es, neben einem kleinen Büro alles, was ein Jugendlicher ohne zu Hause braucht: Eine voll ausgestattete Küche, Badezimmer, Waschmaschinen und kostenlose Schließfächer. All das wird von der Caritas und durch Spenden finanziert. Wir sitzen mit Lena im Aufenthaltsraum am Bistrotisch zwischen einem gemütlichen Sofa und einem Billardtisch und unterhalten sich.

ICH BIN: Der Schlupfwinkel bietet den Jugendlichen in erster Linie einen Rückzugsort, aber auch Hilfe, aus der Obdachlosigkeit herauszukommen. Was genau könnt ihr denn für die Jugendlichen hier in der Einrichtung tun?

Lena: Das Angebot vom Schlupfwinkel ist zum Einen anonyme Beratung, das heißt, die Jugendlichen können hier rein kommen. Sie müssen ihren Namen nicht nennen, dürfen dann erst mal ankommen und werden auch nicht sofort überrannt. Sie können hier ihre Kleidung waschen, können kochen, können sich duschen. Die Befriedigung der existentiellen Grundbedürfnisse ist gewährleistet. Auch soll der Schlupfwinkel ein Schutzraum sein, das heißt, es dürfen keine Erwachsenen rein – auch keine Polizei. Die Jugendlichen können sich also ganz wohl fühlen und so zur Ruhe kommen. Mittwochs haben wir immer großes Frühstück, da ist dann meistens auch ein bisschen mehr los. Zusätzlich zu den Öffnungszeiten machen wir noch persönliche Termine mit den Besuchern aus, bei denen wir sie einfach zu Ämtern oder zu Ärzten begleiten oder mal ein Elterngespräch anbieten, wenn die Jugendlichen das wollen.

Reden und aufwärmen bei heißem Tee und Kakao

ICH BIN: Wie genau geht ihr beim Streetworking vor?

Lena: Wir gehen zwei bis drei Mal die Woche streetworken. Dabei laufen wir verschiedene Plätze ab und freitags – das ist dann immer bisschen besonders – fahren wir mit einem Bus. Es gehen immer zwei Mitarbeiter, am besten männlich und weiblich, gemeinsam los. Es gibt auch viele Kontakte, die wirklich nur außerhalb vom Schlupfwinkel stattfinden. Auf der Straße gilt immer der Grundsatz: „Wir sind zu Gast bei den Jugendlichen.“ Was beim Streetworken auch noch besonders ist, ist, dass es vor allem die Jugendlichen erreichen soll, die noch zu Hause wohnen, die aber den Großteil ihrer Zeit auf der Straße verbringen. Die würden sich jetzt selbst nicht als obdachlos bezeichnen, sind aber teilweise so im Übergang auf die Straße. Es ist wichtig, dass man auch sie erreicht und dass man da vielleicht schon präventiv irgendwas tun kann.

ICH BIN: Wie läuft das, mit einem Bus unterwegs zu sein?

Lena: Der Bus gehört zum StreetCamp-Projekt, das von der „Christoph Sonntag Stiftung“ gefördert wird. Wir haben eine Standgenehmigung für den Bus und laufen von da aus einfach wieder die bekannten Plätze ab, verteilen Kontaktkärtchen und schauen ob wir Jugendliche kennen. Manche haben vielleicht gerade den Bedarf, zu reden oder die sich im Bus aufzuwärmen. Im Bus können sie dann heißen Tee und Kakao trinken.

ICH BIN: Nach welchen Grundsätzen und Prinzipien funktioniert diese Einrichtung sonst noch?

Lena: Also grundsätzlich sind hier die Arbeitsprinzipien eben Anonymität, Freiwilligkeit und Parteilichkeit. Das heißt, wir geben nichts nach außen und stehen unter Schweigepflicht, keiner wird hier zu irgendwas gezwungen, und wir stehen immer auf der Seite des Besuchers.

ICH BIN: Das schützt ja die Besucher. Müssen sie auch irgendwelche Regeln einhalten?

Lena: Wir haben hier im Schlupfwinkel nur drei Regeln: Keine Gewalt, kein Alkohol und keine Drogen. Das sind drei einfache Regeln, die sich jeder merken kann und an die sich die meisten auch halten. Wenn nicht, dann wird je nach Härte des Verstoßes ein Hausverbot verhängt – aber das ist immer begrenzt. Wir sagen dann: „Du musst jetzt gehen, darfst dann aber wieder zurückkommen nach der und der Zeit, da ist auch keiner mehr böse auf dich, sondern wir nehmen dich so, wie du bist, wieder hier auf.“ Aber die Jugendlichen verstehen das dann tatsächlich auch. Und dadurch, dass wir so wenige Regeln haben, gibt es hier auch wenig durchzusetzen. Klar, wir sind die Mitarbeiter, sie sind die Besucher, aber es ist schon eher ein freundschaftliches, familiäres Verhältnis.

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Die beiden Bilder zu diesem Artikel sind gestellte Symbolbild mit Schülern der Akademie für Kommunikation und Freunden. Natürlich sind Punks und Jugendliche, deren Lebensmittelpunkt die Straße ist, nicht gleichzusetzen. Die Bilder stammen aus der Schülerausstellung Jugendkulturen als Lebensentwurf.
© 2008 Julika Zimmermann/Akademie für Kommunikation