Der Tod ist nicht nur schwarz

Horst Kloeters - 30. August - (c) 2009 Daniel Schumann / daniel-schumann.com

Spuren hinterlassen und Abschied nehmen

ICH BIN: Würdest du sagen, dass es ihr Wunsch war, nicht spurlos aus der Welt zu verschwinden?

Daniel Schumann: Ja, auf jeden Fall. Es gab eine Situation, die das ganz schön zeigt. Die Zahl der Personen, die ich parallel zueinander fotografiert habe, hat natürlich variiert. Es gab einen Zeitraum, da waren es fünf Menschen gleichzeitig. Weil die Arbeit natürlich auch anstrengend ist, bin ich also einen Tag ins Hospiz gefahren, habe jedoch nur drei von ihnen fotografiert und wollte dann am nächsten Tag, mit frischer Kraft und Konzentration, die anderen zwei porträtieren. Eine Dame hatte jedoch mitbekommen, dass ich da war und nicht zu ihr gekommen bin. Am nächsten Tag erzählte sie mir dann, dass die ganz erschrocken war, und Angst hatte, dass ich das Interesse an ihr verloren haben könnte. Wobei natürlich das Gegenteil der Fall war.

ICH BIN: Glaubst du, dass dein Projekt den Sterbenden dabei geholfen hat, Abschied vom Leben zu nehmen?

Daniel Schumann: Das kann ich nicht wirklich sagen. Ich bin natürlich in der Woche nach dem Fotografieren immer zu ihnen gekommen und habe ihnen gezeigt, welche Bilder ich von ihnen gemacht habe. Von daher denke ich schon, dass diese eine Art Spiegel für sie waren.

Zwischen Bewunderung und Schock und einer Entscheidung

ICH BIN: Wie haben denn deine Freunde, Familie und Kollegen auf das Projekt „Purpur, Braun, Grau, Weiß, Schwarz“ reagiert?

Daniel Schumann: Sehr unterschiedlich. Es hat durchaus zu sehr guten und intensiven Gesprächen geführt, aber die ersten Reaktionen schwankten schon zwischen erschrocken, erschüttert und beeindruckt. Ich habe schon auch gemerkt, wenn ich im Labor eine Reihe meiner Bilder aufgehängt hatte, dass sich ein paar meiner Kommilitonen erschreckt haben. Aber letzten Endes hatte ich das Gefühl, dass ich die Porträts in einer Weise fotografieren konnte, dass die Bilder zu einer positiven Auseinandersetzung mit dem Tod geführt haben. Auch später bei Ausstellungen gab es Menschen, die sich sehr intensiv mit den Bildern auseinander gesetzt haben – auch lange geblieben sind. Dann gab es welche, die sind reingekommen, haben gesehen: „Oh da geht es um Tod“, und sind wieder gegangen. Beim Buchverkauf ist es ähnlich: Es gibt Menschen, die sagen: „Das finde ich toll, aber ich kann es nicht im Buchregal stehen haben“, und dann wiederum welche, die sagen, dass sie es bei sich gut sichtbar auf dem Kaffeetisch liegen haben, sodass alle Besucher darauf stoßen.

ICH BIN: Würdest du am Ende deines Lebens auch gerne so verewigt werden?

Daniel Schumann: Das ist eine gute Frage, die ich mir noch nie selbst gestellt habe. Ja, kann ich mir schon vorstellen.

ICH BIN: Du kanntest diese Menschen ja schon einen Weile, als sie starben. Wie war es für dich, diese zu fotografieren, nachdem diese tot waren?

Daniel Schumann: Also es hat natürlich variiert. Es gab einige, die ich ein Jahr lang kannte, und dann wie zum Beispiel den Mann auf dem Cover, den ich nur eine Woche kannte. Es war immer in gewisser Weise ein Abschiednehmen, aber es war natürlich auch davon abhängig, wie lange ich die Person kannte, wie sehr ich mich mit ihnen auseinander gesetzt habe und wie weit sie sich mir gegenüber geöffnet haben. Wenn jemand stirbt, kann einen das nie kalt lassen, und so hat sich für mich beim Fotografieren nach dem Tod das letzte Berühren der Hand zu einem Abschiedsritual entwickelt. Ein stilles „eine gute Reise wünschen“ und es damit auch dann gut sein zu lassen. Bei manchen hat es natürlich auch eine Weile gebraucht, bis ich mit dem Gedanken umgehen konnte, dass der Mensch jetzt nicht mehr da ist und dass ich ihn nicht mehr wiedersehen würde.

ICH BIN: Freundeten sich die fotografierten Menschen untereinander an und sahen sie sich die Bilder der Verstorbenen dann gemeinsam an?

Daniel Schumann: Kennengelernt haben sie sich auf jeden Fall. Wobei das vom Einzelnen abhing, da es in dem Hospiz Einzelzimmer gab und somit jeder die Wahl hatte, ob er nun unter Leute gehen möchte oder nicht. Ein paar der Bewohner hatten aber definitiv den Drang, gemeinsam mit anderen Mittag zu essen, und somit kam auch ein Austausch über mein Projekt zu Stande. Ich kann mich jetzt jedoch nicht an eine Situation erinnern, in welcher die Bewohner sich gemeinsam Fotos verstorbener Freunde angesehen haben. Zu den Angehörigen hatte ich jedoch einen sehr guten und positiven Kontakt und habe diese auch in meine Arbeit mit einbezogen – zum Beispiel für das Halten eines Aufhellers.

ICH BIN: Wie lange hast du jetzt insgesamt an dem Projekt gearbeitet? Was waren die Gedanken dahinter?

Daniel Schumann: Fotografiert habe ich daran ein Jahr. Ich hatte den Gedanken mehrere Kapitel zu machen, bin jedoch letztendlich dazu übergegangen die Bilder der Menschen genau so anzuordnen, wie ich sie fotografiert habe: um nicht den direkten Vergleich zu geben und somit den Fokus auf die Persönlichkeit und nicht auf den Verfallsprozess zu lenken – und darauf, dass sich die Menschen begegnet sind und das Ganze eben ein Kreislauf ist. Diesen Kreislauf habe ich auch mit vier Bildern des Waldes, die vier Jahreszeiten symbolisieren, noch verdeutlicht. Manche Menschen kommen, manche gehen. Und mein Buch ist ein kleiner Ausschnitt dieses Kreislaufes, was mich eben auch dazu gebracht hat, das Buch offen zu beenden: mit einer lebenden Person.

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Porträts von Horst Kloeters – 30. August (oben) und Wolfgang Petersmann – 15. März (unten) mit freundlicher Genemigung von Daniel Schumann © 2009 Daniel Schumann