Der Tod ist nicht nur schwarz

Horst Kloeters - 30. August - (c) 2009 Daniel Schumann / daniel-schumann.com

Daniel Schumann ist Fotograf. Er unterscheidet sich jedoch von den meisten Anderen. Er fotografierte in seinem Buch „Purpur, Braun, Grau, Weiß, Schwarz“ nicht das Leben, sondern den Tod und den Weg dorthin. Dafür begleitete er ein Jahr lang Menschen in einem Hospiz und porträtierte sie nach ihrem Ableben ein letztes Mal.

ICH BIN: Wie kamst du auf die Idee, Menschen auf ihrem letzten Lebensweg zu porträtieren?

Daniel Schumann: Bis zu der tatsächlichen Idee war es ein langer Weg. Und zwar nach meinem Abitur – damals war der Zivildienst ja noch Pflicht – hatte ich den Wunsch, etwas zu machen, wobei ich direkten Menschenkontakt habe. Durch einen Bekannten meines Vaters, kam dann die Idee auf, dass ich meinen Zivildienst im Hospiz leisten könnte. Die Zeit dort war wichtig und prägend für mich, sodass ich gemerkt habe, dass mich Sterben und Tod auch noch darüber hinaus beschäftigen. Als ich danach angefangen habe, Fotografie zu studieren, hatte ich jedoch noch gar nicht die Vorstellung, meine Eindrücke dort auch fotografisch zu verarbeiten. Ich habe auch eigentlich nie Portraits fotografiert. Im Laufe des Studiums habe ich dann aber gemerkt, dass mich das Thema noch immer beschäftigt. Im Wintersemester 2005/2006 wurde dann ein Kurs zum Thema Ränder angeboten, in welchem wir uns überlegen sollten, welchen Rand wir gerne fotografieren möchten. In dem Moment war für mich klar, der Zeitpunkt ist gekommen, ich fotografiere den Rand des Lebens.

ICH BIN: Wie bist du dann weiter vorgegangen? Und wie bist du auf die Menschen zugegangen?

Daniel Schumann: Ich habe dann in dem Hospiz, in dem ich meinen Zivildienst gemacht habe, angefragt, ob es möglich wäre, dieses Projekt dort umzusetzen. Nach einigem Hin und Her, habe ich dann tatsächlich eine Zusage bekommen. Die Mitarbeiter haben sich überlegt, welche Bewohner in Frage kommen würden. Sie mussten natürlich in der geistigen Verfassung sein, die Situation komplett einschätzen zu können und sich nicht an dem Gedanken festhalten, bald wieder gesund zu werden und nach Hause gehen zu können. Der Kontakt hat so funktioniert: Die Mitarbeiter sind auf die möglichen Modelle zugegangen – mit einer Mappe von mir, meinen Arbeiten und einem Schreiben, in welchem ich meine Motivationen dargestellt habe. Manchmal war ich auch dabei, aber es war immer ein Mitarbeiter anwesend. Wenn dann das erste Interesse da war, bin ich zu den Menschen gegangen, habe wieder Bilder dabei gehabt, teilweise auch von schon Porträtierten, und habe mich mit ihnen unterhalten. Tatsächlich haben sich die Meisten dann auch auf das Projekt eingelassen.

ICH BIN: Hast du dich in diesem Zusammenhang mit der Würde des Menschen auseinander gesetzt und in welcher Weise?

Daniel Schumann: Wenn man sich mit Totenfotografie auseinandersetzt, kommt man, glaube ich, gar nicht drum rum, sich mit der Würde des Menschen auseinanderzusetzen. Ich bin dann auch zu dem Schluss gekommen, dass ich es eher als unwürdig empfinden würde, Menschen nach dem Tod nicht mehr zu fotografieren. Genauso wurde die Fotografie auch im 19. Jh. verwendet, um die Fotos als Andenken der Verstorbenen im Kreis der Gesellschaft zu wahren. Diese Tradition ist jedoch leider mit den beiden Weltkriegen untergegangen, weswegen ich es wichtig fand, daran noch einmal anzuknüpfen.

ICH BIN: Haben sich bei dir bei deiner Arbeit innere Konflikte aufgetan?

Daniel Schumann: Von Konflikt würde ich jetzt nicht einmal reden. Das Einzige wäre, dass es natürlich hart ist, wenn die Menschen sterben. Man hat ja eine Beziehung aufgebaut, welche auf einmal weg ist. Je nachdem, wie die Menschen versterben, kann es auch erschreckend sein. Der Mann auf dem Buchcover zum Beispiel, war als ich ihn kennenlernte noch sehr lebendig, jedoch ist er eine Woche später gestorben. Und als der Anruf dann kam, war ich sehr erschrocken.

Die Würde spielt eine große Rolle bei den Fotografien

ICH BIN: Wie bis du vorgegangen, um die Würde der Fotografierten in deinen Totenporträts zu wahren?

Daniel Schumann: Wenn der Anruf kam, in welchem mir mitgeteilt wurde, dass ein Mensch verstorben ist, bin ich schnell dort hingefahren, um die Menschen fotografieren zu können, bevor der Bestatter sie abholte. Bei den Totenporträts ist es natürlich noch mal eine größere Herausforderung, da ich den Menschen ja nicht mehr sagen kann, was sie tun sollen. Für mich war es wichtig, die Bilder in Farbe und im Tageslicht zu fotografieren, um darzustellen, dass die Situationen, die ich fotografiere, Teil des Lebens sind. Ich habe geschaut, wie liegt der Mensch, wie kann ich mich ihm am besten mit der Kamera nähern. Die Porträts der Verstorbenen sind ja auch alle recht unterschiedlich geworden. Bei dem einen bin ich ganz nah, bei dem anderen weiter weg. Das war davon abhängig, wie das Bett im Raum stand, das Licht fiel und wie es eben für mich in der Situation möglich war, den Menschen am würdevollsten darzustellen.

ICH BIN: Also du hast nichts mehr an dem Szenario verändert, welches du vorgefunden hast?

Daniel Schumann: Nein. Das hätte ich dann tatsächlich als entwürdigend empfunden.

ICH BIN: Wie war es für die Menschen, zu wissen, dass sie sich für ihr letztes Bild nicht mehr ins rechte Licht rücken konnten?

Daniel Schumann: Ganz bewusst habe ich mit ihnen darüber gar nicht gesprochen, aber ich hatte das Gefühl, dass sie mir auf Grund der Gespräche, die wir geführt haben, und der Bilder, die ihnen gezeigt habe, großes Vertrauen entgegengebracht haben und dass es für sie in Ordnung war, die Kontrolle an mich abzugeben.

ICH BIN: Was bewegt Menschen dazu, sich in ihrer vollkommenen Verletzlichkeit und Wehrlosigkeit porträtieren zu lassen?

Daniel Schumann: Ich hatte das Gefühl, dass den Menschen die Anteilnahme wichtig war. Es war schön für sie, zu wissen, dass jemand aus der „Alltagswelt“ kommt und sich für sie und ihr Schicksal interessiert. Meine Fotos haben ihnen eben eine gewisse Wichtigkeit beigemessen. Die erste Frau, die ich porträtiert habe, die sich auch durch das ganze Buch zieht, hatte selbst Tanz und Kunst studiert. Sie hat mir erklärt, dass sie meine Fotos als Möglichkeit nutzt, ihren Kindern ihre Gefühle mitzuteilen.

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Porträts von Horst Kloeters – 30. August (oben) und Ulrike H. – 23. Februar (unten) mit freundlicher Genemigung von Daniel Schumann © 2009 Daniel Schumann