Die andere Seite des Spiegels

Schlafplatz in der U-Bahn-Haltestelle Friedrichsbau

Welche Hilfe können solche Menschen erwarten? Bekommen sie diese Hilfe?

Die Antwort auf diese Frage ist ein ganz klares Ja. Es gibt Einrichtungen wie die Wohnungslosenhilfe im Landkreis Ludwigsburg, welche sich um obdachlose Menschen kümmert.

„Wir haben verschiedene Hilfsangebote. Zum einen gibt es die Tagesstätte“, erklärt Herr Knodel, der Leiter der Wohnungslosenhilfe. „Hier können sich die bedürftigen Menschen aufhalten und ihren Tag verbringen. Dann gibt es die Fachberatungsstelle, ein Stockwerk über uns. Das ist eigentlich die erste Anlaufstelle für die Wohnungslosen. Hier bekommen sie die nötige Beratung. Wir helfen zum Beispiel beim Ausfüllen der Arbeitslosenanträge, denn viele bekommen weder Arbeitslosengeld noch Rente, und sie haben dann verständlicherweise Probleme beim Ausfüllen der Formulare. So würde es mir sicher auch gehen“, gesteht er ein. „Weiter gibt es eine Suchtberatung, ein Fallmanagement – hier helfen wir beispielsweise bei der Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt – und ein betreutes Wohnen. Das ist meist der erste Schritt zur Normalität oder das, was wir unter Normalität verstehen.“

Das Angebot der Wohnungslosenhilfe ist vielfältig und individuell. Insgesamt lässt sich jedoch der traurige Trend feststellen, dass die Wohnungslosigkeit im Laufe der Jahre immer mehr zunimmt. Nimmt man mal die kurze Zeit weg, in der viele Menschen aus den neuen Bundesländern in den „goldenen“ Westen kamen, steigt die Anzahl der Obdachlosen beinahe fortwährend immer weiter – ein Ende ist leider noch nicht in Sicht.

Die Ursachen sind geschlechtsspezifisch

Die meisten Obdachlosen sind Männer, wobei sich dort über 33% in der Altersklasse 50 bis 59 befinden. Frauen sind nicht so oft obdachlos, aber wenn sie es sind, dann sind es zumeist jüngere Frauen zwischen 30 und 39 Jahren, wie wir den Zahlen von 2013 entnehmen.

„Nun, Männer werden schneller obdachlos, weil sie oftmals in der schlechteren Position sind. In diesem Fall sind sie das „schwache“ Geschlecht. Es ist nämlich so, dass, wenn sich Paare trennen, die Frauen meistens Kinder behalten. Und das bedeutet, dass sie in der Wohnung bleiben. Auch kommen Männer schlechter mit dem Verlust ihrer Familie und ihres Berufes zu Recht. Es ist der berühmte gekränkte männliche Stolz, der dort mit hineinspielt. Dieser spielt auch eine Rolle, weil sich der Mann oft nicht traut, Eltern und Geschwister um Hilfe zu bitten, wenn er sich in einer Notlage befindet. Das alles summiert sich eben, sodass es eine größere Anzahl an obdachlosen Männern gibt als an Frauen“, führt Herr Knodel aus.

Bei Frauen sieht das Problem anders aus: Sie können sich oft schneller Hilfe besorgen, da sie häufig ein besseres soziales Netzwerk aufgebaut haben – schon allein dadurch, dass sie durch die Kinder mehr Kontakt zur Außenwelt haben. Auch sind Frauen meist gewillter, Hilfe anzunehmen, als Männer. Den Grund dafür, dass die meisten obdachlosen Frauen jünger sind als die Männer, sieht Herr Knodel darin, dass diese Frauen oft von zu Hause weggelaufen oder geflohen sind, wechselnde Partnerschaften hatten und mit Schwangerschaftsabbrüchen oder der Wegnahme ihrer Kinder zu kämpfen haben. Das hinterlässt natürlich Wunden. Viele Menschen flüchten sich dann in die Sucht – die Alkohol- oder Drogensucht, Hauptsache, es betäubt.

Trotzdem ist Herr Knodel sehr vorsichtig mit dem Begriff der Selbstverschuldung, welche den Obdachlosen oft sehr gern vorgeworfen wird. „Wer arbeitslos ist, muss nicht selbst daran schuld sein. In vielen Einzelfällen erleben wir unverschuldeten Arbeitsverlust, beispielsweise wegen Stellenstreichungen oder einem Unfall, der zu einem eingeschränkten Leistungsniveau führt. Auch wer verlassen worden ist, muss nicht selbst daran schuld sein. Wir kennen doch alle das Leben: Es verläuft nicht immer gerade, oder? Die Drogen und der Alkohol dienen oft als Realitätsverdränger.“

Schwierig ist es für viele nur, einzusehen, dass sie Hilfe brauchen. Hilfe, die beispielsweise ein Entzug bieten kann. „Da müssen auch mal schlechte Erfahrungen gemacht werden“, meint Herr Knodel. Ein erneuter Arbeitsplatzverlust wegen Alkoholmissbrauch kann beispielsweise in manchen Fällen die Augen öffnen. „Da leidet man natürlich auch mit, denn oft haben die Menschen viel Energie hineingesteckt, um die Arbeit zu bekommen, aber wir müssen trotzdem eine berufliche Distanz wahren, denn sonst könnten wir unsere Arbeit nicht ausführen“, erklärt er fachmännisch.

Zur Sozialarbeit gehört die Lobby-Arbeit

Er selbst hat nur noch wenig mit den Obdachlosen zu tun, höchstens mal mit ein paar Alteingesessenen, die an ihm hängen. Zu seinen Aufgaben zählt viel mehr die Öffentlichkeitsarbeit, sowohl in der Gesellschaft als auch in der Politik.

„Als wir die Wohnungshilfe eröffnen wollten, war ich bei einer Bürgerversammlung zu diesem Thema. Die Menschen waren begeistert – bloß sollte unsere Einrichtung nicht in ihrer Nähe gebaut werden. Man sieht also die Grundstimmung in der Bevölkerung. Die Politik spiegelt diese auch wieder. Deshalb müssen wir auch da werben. Ich bin sogar ab und zu bei Kreistagsitzungen, um uns immer wieder ins Gedächtnis zu rufen. Die Medien dienen dazu auch. Mit Zeitungsberichten oder Veranstaltungen wollen wir im allgemeinen Bewusstsein bleiben“, vertraut uns Herr Knodel an.

Er arbeitet an einer Schnittstelle. Der Schnittstelle zwischen arm und „normal“. Diese Kluft sieht er ganz genau. Oft kommen Obdachlose und ihre Familien nie wieder richtig zusammen. Kinder sind enttäuscht, weil sie sitzen gelassen wurden, andere Verwandte sind verschreckt.

„Am deutlichsten erleben wir diese Kluft bei den Beerdigungen. Wir organisieren welche, denn wir wollen nicht, dass Menschen, die wir kannten – und sei es nur auf beruflicher Basis –, einfach so verscharrt werden. Doch weder zu der von uns organisierten Trauerfeier noch zu dem Grab kommen Angehörige. Das kann ich nicht immer nachvollziehen – es ist schließlich der letzte Gang eines Menschen. Da sollte man die Vergangenheit schon vergessen können, aber das ist nur meine Meinung“, sagt Herr Knodel.

Damit beenden wir unseren Ausflug in eine ganz andere Welt, die doch neben unserer existiert. Einer Welt mit eigenen Problemen und einem eigenen Rhythmus. Einer Welt, die, obwohl sie unserer so nahe ist, von vielen nicht wahrgenommen wird. Eine Welt zwischen Armut, Verwahrlosung, Verzweiflung und doch der Akzeptanz des anderen.

Der vielleicht sogar schnelleren Akzeptanz, wie wir im Fall von Dieter erfahren durften. Ein Annehmen ohne Vorurteile und die Hoffnung auf dasselbe. Eines ist uns jedoch nach unseren drei Besuchen – bei der Caritas, der Vesperkirche und bei der Wohnungslosenhilfe – klar geworden: Nach ein paar Schritten sind wir wieder in der Normalität. Um uns herum Geschäfte. Hektische Menschen mit ihren Einkäufen, den Blick gesenkt. Die Normalität. Fern von dem, was wir gerade erlebt haben. Die andere Seite des Spiegels.

Weitere Informationen:
http://www.caritas-stuttgart.de/64010.html
http://www.vesperkirche.de/
http://www.wohnungslosenhilfe-lb.de/

Text: Saskia Dreßler
Recherche: Saskia Dreßler, Jeannie Heinzmann, Melisa Özel

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