Die andere Seite des Spiegels

Schlafplatz in der U-Bahn-Haltestelle Friedrichsbau

Ist das nicht eigentlich ein beruhigendes Bild, das sich uns da bot?

Aber das ist nur eine Seite der Medaille. Als wir am nächsten Tag gegen Mittag die Vesperkirche in der Leonhardskirche besuchen, bietet sich uns ein völlig anderes Bild. Schon vor den Türen der Kirche herrscht ein angespanntes Treiben. Während das Essen mit einem weißen Kleintransporter angeliefert wird, drängen sich viele verwahrloste Personen in die Kirche. Nicht nur Kleider und Gesichter sind heruntergekommen. Oft scheinen die Menschen krank, haben Krücken oder sitzen im Rollstuhl. Die allgemeine Armut und Ausweglosigkeit in manch einem Augenpaar erschreckt und erschlägt uns förmlich. Damit hatten wir nicht gerechnet.

Es war, als hätte ein Hammer den Spiegel, der uns von der Realität trennte, zerschlagen; und wir würden nun erst die Wirklichkeit sehen. Neben den Bänken stehen Bierfalschen und harsche Rufe tönen von überall her. Beklommen stellen wir fest, dass auch der Geruch hier strenger ist als tags zuvor bei der Caritas.

Fast kehren wir um, aber dann fassen wir uns doch ein Herz und betreten die Kirche. Drinnen hat man das Gefühl, in einer Großküche zu stehen. Aus riesigen Töpfen dampft es, lange Schlangen bilden sich vor der Essensausgabe, und auf Bierbänken drängen sich die Menschenmassen. Verabredet sind wir hier mit der Pfarrerin Frau Eickhoff. Mit ihr setzen wir uns etwas abseits zusammen, damit wir uns unterhalten können.

Sieben Wochen im Jahr gibt es die Vesperkirche. Herkommen kann jeder, vor allem wird dieses Angebot von Obdachlosen wahrgenommen. „Es gibt hier jeden Tag ein festgelegtes Mittagessen. Meistens Fisch oder Fleisch mit einer Beilage. Man kann hier nicht auswählen. Vegetarier oder Muslime müssen dann eben nur die Beilage nehmen – wir können nicht auf jeden Wunsch eingehen“, sagt Frau Eickhoff und führt weiter aus: „Das Essen ist hier nicht umsonst. Es kostet 1,20 €. Damit wollen wir zeigen, dass es ein Geben und Nehmen gibt. Und viele der Menschen, die hier herkommen, wollen auch etwas geben. Sie wollen nichts umsonst.“

Auch die Pfarrerin bedrückt die Armut, mit welcher sie tagtäglich konfrontiert wird. Deshalb ist sie froh, wenn die Vesperkirche im März endet. Was sie bewundernswert findet, ist, dass unter den freiwilligen Mitarbeitern viele junge Menschen sind. So wird das Thema Obdachlosigkeit und Armut nicht aus der Gesellschaft getragen.

Trotzdem könnte die Politik, laut der Meinung von Frau Eickhoff, mehr unternehmen. „Ich komme eigentlich aus Hannover. Dort gibt es fast keine Wohnungslosigkeit, denn der soziale Wohnungsbau wird dort mehr gefördert. Ihr wisst selbst, dass in Stuttgart der Wohnraum begrenzt ist, aber trotzdem sollte man mehr versuchen, Wohnraum für sozial benachteiligte Menschen zu schaffen. Das würde sicher einiges verbessern“, findet die Pfarrerin.

Hier findet man Not, Verwahrlosung und Verwirrung

Während unseres Gespräches geht eine Frau an uns vorbei. Sie trägt einen langen Mantel und einen ausgefransten Hut. In der Hand hält sie einen Beutel. „Ich muss mich beeilen, sonst bekomme ich keine Blumen mehr“, versucht sie uns mit osteuropäischem Akzent mitzuteilen. „Ich habe jetzt keine Zeit für sie. Ich bin in einem Gespräch“, stellt Frau Eickhoff streng klar. Die Frau scheint sie jedoch gar nicht wahrzunehmen. Vor sich hinmurmelnd steigt sie die Altarstufen nach unten und verschwindet in der Menge.

Frau Eickhoff beugt sich zu uns nach vor und erklärt fast flüsternd: „Habt ihr diese Frau gesehen? Früher war sie mal eine angesehene Opernsängerin hier in Stuttgart und verkehrte in den höchsten Kreisen. Dann rutschte sie ab, und heute kennen nur noch wir sie.“ Nachdenklich blicken wir der Frau hinter her. So kann es also auch laufen – im Leben.

Die Pfarrerin nimmt die Besucher der Vesperkirche als eigentlich sehr freundlich wahr. Natürlich gibt es immer wieder Ausnahmefälle, aber im Großen und Ganzen sind die Menschen sehr dankbar, dass sie zu der Kirche kommen können. „Und das ist für mich auch das Wichtigste, was ich während dieser Zeit lerne“, verrät uns Frau Eickhoff noch, „Ich lerne, dass ich dankbar sein sollte. Dankbar dafür, dass ich jeden Abend nach Hause kommen kann. Dankbar, dass ich eine Familie und Freunde habe, zu denen ich kommen kann. Dankbarkeit als vielleicht höchstes Geschenk. Da tritt der religiöse Aspekt auch mal in den Hintergrund.“

Während wir die Kirche verlassen, sprechen wir noch mit einem Obdachlosen. Er trägt einen ausgedienten Armeemantel, der ihm zu groß ist, und hat einen Stock bei sich. Erst späte erkennen wir, dass der Mann blind ist. „Ich komme gern her, sehr gern. Hier hat man etwas zu essen und Gesellschaft. Als Blinder hat man es oft nicht leicht. Da wird man immer wieder umgeschubst, obwohl in Stuttgart das Blindenleitsystem gut ist. Ich meine, die Erhebungen auf dem Boden. Ich komme wirklich gern hier her“, erklärt der Mann uns und lächelt uns zahnlos an.

Bei seinem Anblick wird unsere Kehle zugeschnürt. Er scheint seine Umwelt und uns gar nicht wirklich wahrzunehmen. Wahrscheinlich ist er auch noch schwerhörig. Immer und immer wieder sagt er, dass er gern hier in die Kirche käme. Als wir uns schließlich von ihm verabschieden, bittet er uns noch um die Uhrzeit, doch bei dem Lärm, der in der Kirche herrscht, kann er uns nicht richtig verstehen. „Ich komme wirklich gern hier her!“, ruft er noch. Uns steigen die Tränen in die Augen.

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