Die andere Seite des Spiegels

Schlafplatz in der U-Bahn-Haltestelle Friedrichsbau

Obdachlose

Wie ist das, wenn man kein Zuhause hat? Wie fühlt es sich an, wenn man nicht weiß, wo man in der Nacht schlafen wird? Was bedeutet es, ohne geregelten Tagesablauf zu leben? Können wir uns das überhaupt vorstellen – wir, die jeden Tag in einem warmen Bett aufwachen und nur die Kühlschranktür öffnen müssen, um etwas zu essen zu bekommen. ICH BIN ging diesen Fragen auf den Grund.

„Lasst uns den Tag mit einer Geschichte beginnen“, lädt Harald Wohlmann alle ein. Er steht in einem hellerleuchteten, freundlich gestalteten Raum der „Tagesstätte Olgastraße“, während vor den Fenstern erst langsam der Tag in Stuttgarts Straßen aufzieht. Dann liest der Fachdienstleiter der Caritas eine Geschichte über das Altern und das sich nicht Eingestehens des Alters vor. Ab und zu kassiert er einige verschüchterte Lacher, sonst herrscht beinahe andächtiges Schweigen. Alle Augen sind auf ihn gerichtet.

Wir kommen uns ein bisschen wie im Speisesaal einer Jugendherberge vor – so aufgeräumt ist es hier. Akkurat stehen die Stühle und Tische. Vorne gibt es ein Büffet oder besser gesagt: eine Essensausgabe. Nachdem das Frühstück eingeleitet ist, kommen, nach und nach, die Obdachlosen – die Menschen, die kein Zuhause haben – nach vorne. Dort holen sie sich ihr Essen ab. Es gibt Brot, Wurst, Käse, Schokolade oder Marmelade, Tee oder Kaffee. Ein ausgewogenes Frühstück für jemanden, der sonst nichts zu essen hat. Nach dem ersten Ansturm setzt sich Herr Wohlmann zu uns, damit wir uns mit ihm unterhalten können. Mitgebracht hat er einen „Wachmacher“-Kaffee.

„Natürlich liegt es an jedem Mitarbeiter, ob er eine Geschichte vorliest und welche, aber ich mache das immer. Meiner Meinung nach ist das ein guter Start in den Tag“, verrät uns Herr Wohlmann. Um uns herrscht Besteckgeklirr, und vereinzelt können wir ein paar Gesprächsfetzen aufnehmen. Das Bild des abgeschotteten Obdachlosen, der keinen Kontakt mit anderen haben will, wird also schon eingangs erschüttert. „Wir bieten hier Frühstück und Mittagessen an. Die Anzahl der Menschen bleibt eigentlich konstant. Es sind den Tag über 100 bis 120 Besucher“, erklärt der Sozialarbeiter. Die Caritas bietet von Montag bis Freitag an, dass die Obdachlosen oder auch schlecht situierte Menschen hier herkommen und dann etwas zu essen bekommen können.

Hilfe für Einzelne und Hilfe für alle leisten

„Es ist hier wie im normalen Leben. Dort gibt es auch Menschen, die mich interessieren, und Menschen, mit denen ich auskommen muss, obwohl es mir nicht immer leicht fällt“, grenzt Herr Wohlmann ein. Für ihn ist der Umgang mit den Obdachlosen völlig normal geworden. Über manch ein dreckiges Kleidungsstück oder ein sehr mitgenommenes Gesicht sieht er hinweg. „Doch es gibt auch Fälle, da sage ich, dass derjenige sich zuerst duschen muss – das ist schließlich hier auch möglich. Nicht jeden Geruch muss ich mir gefallen lassen“, meint er schulterzuckend.

Die Organisation finanziert sich zum größten Teil aus Spenden. Die Anzahl der Spender hat jedoch abgenommen, denn früher hatten oft ältere Menschen gespendet. Diese Menschen hatten durch die Weltkriege selbst die Obdachlosigkeit erlebt und konnten sich besser in die Obdachlosen hineinfühlen als es die jetzige Generation tun kann. „Generell gibt es aber schon Anteilnahme mit den Obdachlosen. Doch ihr müsst immer bedenken: es ist ein Unterschied, ob jemand wirklich hilft oder nur an einem Schicksal Anteil nimmt. Das Bewusstsein, dass man diesen Menschen auch effektiv helfen sollte, ist noch nicht wirklich in der Bevölkerung verankert“, stellt Herr Wohlmann fest. Einen Tipp gibt er uns noch auf den Weg.

„Falls ihr Angst vor bettelnden Banden habt, die euch nur ausnehmen, da rate ich euch: Beobachtet die Obdachlosen um euch herum. Sind es immer wieder dieselben, dann könnt ihr sicher sein, dass sie nicht zu einer Bande gehören. Banden wandern immer weiter, und außerdem zeigen die Mitglieder einer Bande auch oft ihre Verstümmelungen und Verletzungen. Ein Obdachloser würde das nicht tun. Er hat zu meist einen Hund dabei, denn auch ein Obdachloser möchte nicht allein sein. Ein Hund bietet nicht nur Trost, sondern auch Sicherheit.“

Auch hält Herr Wohlmann nichts von dem Vorsatz Obdachlosen kein Geld, sondern Essen zu geben. „Das ist herabwürdigend. Es sollte jeder mit dem Geld machen, was er will. Das machen alle Menschen. Warum sollte es bei einem Obdachlosen anders sein? Wenn er sich dafür Alkohol kaufen will, dann ist das seine freie Entscheidung. Er ist schließlich nicht unmündig.“

Erst half Dieter Obdachlosen, dann wurde er obdachlos

Nun erscheint an unseren Frühstückstisch ein kleiner Mann mit lila Mütze und weißen Bart. Er trägt eine Plastikeinkaufstüte mit sich und sucht nach einer Zeitung. Die angebotene „Bild“ verschmäht er jedoch. „So was lese ich nicht. So weit ist es mit mir noch nicht gekommen!“, ruft er entrüstet aus. Stattdessen greift er nach der Stuttgarter-Zeitung und macht sich auf, sein Frühstück abzuholen. „Das ist Dieter. Vielleicht könnt ihr mit ihm noch reden“, vermittelt uns Herr Wohlmann weiter und kurze Zeit später sitzen wir Dieter gegenüber.

Dieter – wir erfahren seinen Nachnamen nicht, denn er ist sofort für das „Du“ – wirkt für uns wie ein lieber Großvater von neben an. Hätten wir nicht gewusst, dass es ihm nicht gut ginge, dann hätten wir es nicht erraten. Frei erzählt er von seinem Leben und fragt uns auch aus. Ursprünglich kam er aus Kiel, doch auf einer Reise hat er sich in die Stadt verliebt. Deshalb zog er nach Stuttgart. „Und nun lebe ich hier“, stellt er augenzwinkernd fest. Dieter scheint ein offener Mensch zu sein.

Trotz seiner schwierigen Lage pflegt er frühere Kontakte. „Ich hatte ja schon früher mit Obdachlosen zu tun. Damals bin ich durch Bad Cannstatt gegangen und dann saßen sie da. Sie haben mich nach einer Mark gefragt. Da bin ich nach Hause gegangen und habe meiner Frau gesagt, dass sie für die Leute ein Brot schmieren sollte. Die habe ich dann verteilt – eine Mark hatte ich nicht. So bin ich mit diesen Menschen ins Gespräch gekommen. Auch auf einigen Bürgerversammlungen zu diesem Thema war ich – damals“, sinniert Dieter und scheint mit einem Mal ganz weit weg zu sein.

Weit weg in der Vergangenheit. Einer Vergangenheit, die augenscheinlich rosiger war; als es die Gegenwart nun ist. Den wahren Grund, warum Dieter obdachlos ist, erfahren wir nicht. Darüber schweigt er, und wir wollen nicht weiter bohren. Schließlich ist es uns schon unangenehm, dass wir Dieter von seinem Frühstück abhalten. „Ach was, so ist das immer bei mir! Wenn ich erst einmal am Reden bin, dann höre ich schwer wieder auf! Außerdem … Man soll allen Menschen, mit denen man redet auch ins Gesicht sehen!“, lacht er.

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