Aber die Liebe ist die Größte unter ihnen

Aber die Liebe ist die Größte unter ihnen

Verlieben. Das ist ein so kleines Wort mit solch großer Bedeutung. Man könnte die Verliebtheit schon fast mit einer Droge vergleichen, mitbeinahe genauso schwerwiegenden Folgen: Denn Liebe ist berauschend und macht auch ein bisschen abhängig – von einem Menschen! Das war schon immer so – und wird wohl immer so bleiben.

„Mache daß ich mit dir leben kann, welches Leben!!!! so!!!! ohne dich“. Ludwig van Beethoven ist verliebt. Es ist der 6. Juli 1812. Sein berühmter Liebesbrief an die „Unsterbliche Geliebte“ zeigt uns, dass die Liebe uns Menschen tatsächlich schon immer so umgetrieben hat, wie heute: Ist man verliebt, handeln die Gedanken und Träume nur noch von dieser einen Person. Man beginnt, sich die Zukunft mit ihr vorzustellen. Man zittert, und es kribbelt plötzlich überall, da einen der Gedanke nicht mehr loslässt, wie es wäre, wenn sie oder er jetzt hier wäre. Auch Beethoven wird derartig vom Gedanken an seine Geliebte überfallen: „Schon im Bette drängen sich die Ideen zu dir meine Unsterbliche Geliebte, hier und da freudig, dann wieder traurig, […] bis ich in deine Arme fliegen kann, und mich ganz heymathlich bey dir nennen kann“.

Mehr noch als durch diese Sehnsucht, zeichnet sich die Liebe durch maßloses Glück aus. Man fühlt sich so frei, so ganz ohne Hindernisse, als ob einem die ganze Welt gehören würde. Und dann ist es plötzlich so weit, man begegnet seinem Schwarm. Man muss noch nicht mal mit dem anderen reden, es reicht schon vollkommen aus, in dessen Augen zu blicken und verloren zu sein. Verloren in einem Meer voller Gefühle. Herzklopfen! So ein starkes Herzklopfen, dass man meinen könnte, das Herz springt einem aus der Brust. Bauchkribbeln! So ein starkes Bauchkribbeln, dass man dadurch fast zu Boden gerissen wird, weil zu viel Glück auf einmal in einem ist. Das Funkeln in den Augen und das breite Grinsen kann man nicht verbergen. Ein Schauer fährt einem über den Rücken, ein Schauer, überwältigt zu sein vom Gefühl, endlich angekommen zu sein. Angekommen am Ziel seines Lebens, in der Nähe der Person, welche einen für jede Sekunde glücklicher werden lässt.


ICH BIN das Valentinstags-Special 2015:

Dieser Artikel ist Teil des Valentinstags-Specials 2015:

Das Bild des Pärchens auf der Mole stammt von Dirk Schelpe – © Dirk Schelpe / PIXELIO


Das empfindet sicherlich auch Beethoven so, aber ob er seiner „Unsterblichen Geliebten“ jemals so nahe kommt, ist unbekannt, weil sie bis heute nicht identifiziert werden kann – das macht diese Liebesgeschichte auch so faszinierend. In jedem Fall ist seine Liebe so unbeschreiblich, dass er immer nur diese eine Frau in seinem Herzen hat. Er wünscht sich nichts dringlicher, als mit ihr zusammen lang ersehnte Wege in die Unendlichkeit zu gehen. Verliebt wünscht man sich, dass aus einem „du und ich“ ein „wir“ wird. Und was für ein tolles Gefühl mag das nur sein, wenn man abends neben dem Partner einschläft – mit einem vollkommen leeren Kopf, da man alles, was man sich je erträumt hat, ganz nah an seiner Seite hat. Und wenn man dann morgens die Augen öffnet und in den Armen der Person liegt, die man mit ganzem Herzen liebt, ist man so wunschlos glücklich. Es sind womöglich die schönsten Momente im Leben.

„In guten wie in schlechten Tagen“, heißt es. Und so folgt auf manche glückliche Lebensphase auch wieder eine schlechtere. Denn was wäre ein Sommer ohne Regen? Und was wäre ein aufblühender Frühling, wenn es davor keinen Schnee gegeben hätte, der alles Schöne für eine kurze Zeit verdeckte. Manche Beziehung übersteht diesen Winter aber nicht. Damit hadert schon Beethoven: „Kann unsre Liebe anders bestehn als durch Aufopferungen, durch nicht alles verlangen, kannst du es ändern, daß du nicht ganz mein, ich nicht ganz dein bin“. Ob sich Beethovens Liebe durch Aufopferungen hätte retten lassen – wir werden es nie erfahren. Was wir jedoch wissen ist, dass es im Leben von Beethoven durch die „Unsterbliche Geliebte“ keine freudige Wende gab: Ob sie ihn nicht so sehr geliebt hat wie er sie? Ob es andere Hindernisse gab? Wie elend wird er sich da gefühlt haben? So kann die Liebe einen auch verletzlich machen.

Liebe ist eben ein zweischneidiges Schwert. Das Glück über die Nähe des Anderen empfinden wir auch, weil wir uns ab und zu trennen und nacheinander sehnen müssen. Auch das zeigt der einzelne Brief an die „Unsterbliche Geliebte“. Anders als Beethoven können wir in Emails und WhatsApp Erleichterung finden – sein Liebesbrief braucht noch fünf Tage, um sie zu erreichen: „ich weine wenn ich denke daß du erst wahrscheinlich Sonnabends die erste Nachricht von mir erhältst – wie du mich auch liebst – stärker liebe ich dich doch“. Direkt danach verfällt er wieder in die Hoffnung, die für die Liebe so typisch ist: „Ist es nicht ein wahres Himmelsgebäude unsre Liebe – aber auch so fest, wie die Veste des Himmels“, schreibt er.

Zugleich Luftschloss und Festung – so war die Liebe schon immer und wird wohl auch immer so bleiben. Und Beethovens Worte am Ende des Briefes bringen sicherlich auch den letzten Leser zur Einsicht, dass diese und generell die Liebe unsterblich ist: Alles, was für zwei Liebende wichtig ist, lässt sich laut Beethoven in sechs Worten beschreiben: „ewig dein, ewig mein, ewig unß.“

Dieser Artikel stammt aus der ICH BIN-Ausgabe 07/2014:

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