Die nachhaltige Pflege von Distanzliebe

Fernbeziehung

Während Freundinnen sich mit ihren Partnern zum Abendessen treffen, ins Kino oder in den Club um die Ecke gehen und bis nachts gemeinsam tanzen, sitze ich an meinem Freitagabend vor meinem Laptop und sehne mich danach, genau das mit meinem Partner zu tun, den ich nur durch den Bildschirm etwas geknickt betrachten kann.

Ich knalle den Hörer in die Halterung des Telefons zurück und bleibe erst einmal ein paar Minuten auf meinem Bett sitzen. So ist es immer, wenn ich gerade einen etwa zehnminütigen Wortwechsel mit einem Mann getauscht habe, der 680 Kilometer entfernt von mir ist. Ein Mann, den ich über alles liebe.

680 Kilometer entfernt von dir

Etwa jedes achte Paar führt eine Fernbeziehung, aber der Wechsel zwischen Distanz und Nähe ist für jede Beziehung eine Prüfung. So befinden sich Menschen die einander gefunden haben, aber eine Distanz vielleicht größer als das Mittelmeer zwischen ihnen herrscht, ständig auf dem Prüfstand. Das ist anstrengend, zehrend und vor allem teuer. Und die Liebe allein scheint häufig nicht auszureichen, da Fernbeziehungen im Schnitt nur zwei bis drei Jahre überstehen. Man sollte meinen, bei all den Pendelnden die Ihresgleichen suchen, sollten Fernbeziehungen Teil der Biografie sein, aber anscheinend sehnen auch sie sich einfach nur nach Liebe und Zuneigung. Ich muss mich damit abfinden, dass er nicht da ist, wenn es mir schlecht geht, wenn ich krank bin oder seelische Tiefs erleide. Er ist irgendwo. Nur nicht da, wo er sein sollte. Jedes Paar muss für sich entscheiden, ob es mit solch einer Situation umgehen kann oder eben nicht. Es heißt, Liebe könne Berge versetzen, aber eine Distanz von hunderten von Kilometern kann sie (auch mit Hilfe der neuesten Technik) nicht schrumpfen lassen.

Der einzige Weg, solch eine Beziehung zu führen, scheint, durch gemeinsame Zukunftsvorstellungen die Zeit zu minimieren, Vertrauen zu stärken und Vertrautheit aufzubauen. Man kann sich aber auch etwas vormachen, denn häufig ist es der Fall, dass jener seine gewohnte Umgebung aus gegebenen Anlässen nicht verlassen kann, und der andere es vielleicht gar nicht will. Dann war’s das mit den gemeinsamen Zukunftsträumen. Natürlich kommt es immer auf das Alter und die Beziehungsvorstellungen der Personen an. Dennoch wollen alle, die sich lieben, nur eines: zusammen sein. Und wenn das nicht geht, wird häufig unter Tränen ein Schlussstrich gezogen. Man trennt sich in dem Wissen, man liebe sich entweder zu wenig oder zu sehr, um Entfernungen zu akzeptieren.


ICH BIN das Valentinstags-Special 2015:

Dieser Artikel ist Teil des Valentinstags-Specials 2015:

Das Bild des Pärchens auf der Mole stammt von Dirk Schelpe – © Dirk Schelpe / PIXELIO


Wie Fernbeziehungen entstehen, ist unterschiedlich. Jeder von uns kennt den billigen Urlaubsflirt. Aber einige kennen vielleicht auch den Urlaubsflirt, der danach keine nette Erinnerung an die Nacht am Meer bleibt, sondern schlaflose Nächte und abwesende Tage beschert. So war es bei mir. Doch es gestaltet sich meist kompliziert, die Person in sein eigenes gewohntes Umfeld einzubauen, schon gar bei einer Entfernung von 680 Kilometern oder mehr.

Hamburg. Ich stehe in der Gepäckrückgabe und sehe meine nicht zu übersehende bunte Reisetasche zum zweiten Mal vorbeiziehen. Am liebsten würde ich mich prompt zurück in das Flugzeug setzen und wieder heimwärts fliegen. Das ist nicht so, wie man es sich vorstellt. Man rennt nicht auf den anderen zu und die Welt um einen herum bleibt stehen, auch wenn es sich in den eigenen Vorstellungen oft so gestaltet. Wenn das Herz mal stehen geblieben ist und der Magen ebenso wie das Gehirn zu Erbsengröße geschrumpft ist und man – könnte man sich bewegen – am liebsten flüchten würde, ist es überhaupt nicht wie in dem Film, den man eben im Flugzeug angesehen hat. Man weiß nicht genau, was man miteinander anfangen soll. Ob man die Person da – wie konnte sie sich in acht Wochen schon wieder so verändern? – küssen oder umarmen soll. „Hi, Schatz“ oder doch nur ein „Hey“? Jedes Mal beginnt man von vorn. Lernt sich neu kennen. Und wenn es gerade wieder schön wird, muss man gehen.

Was bleibt, sind Erinnerungen, die einen durch die Zeit bringen, in welcher man verzweifelt versucht, einen Haufen Geld anzusparen, um dort zu sein, wo man hingehört. Die Erinnerungen sind irgendwann nicht länger schön, sondern schmerzlich. Aber sie kleben fest wie Kaugummi an den Schuhsohlen. Sie begleiten dich durch den Tag und machen dir das Vorankommen so schwer es nur geht. Auf Dauer gibt es für diese kuriose Art Beziehung nur zwei Lösungen: Zusammenziehen oder sich trennen. Beide Möglichkeiten sind ein Risiko, denn das Zusammenziehen bedeutet, mit einer Person plötzlich den Alltag zu meistern, die man davor nur alle paar Wochen gesehen hat und es jedes Mal eine Herausforderung, etwas Neues und Aufregendes war. Ist man zusammengezogen, merkt man, dass diese Person genauso Ecken und Kanten hat, mit denen umgegangen werden muss. Plötzlich wird aus der großen Liebe auch nur eine stinknormale Beziehung. Dann gibt es wiederum zwei Möglichkeiten: Komme ich nun mit dieser Person auch auf normaler Ebene klar, oder habe ich mir in all der Zeit nur etwas vorgemacht, weil ich nur die Seiten gesehen habe, die ich sehen wollte? Oder man trennt sich. Das ist immer hart, immer schmerzerfüllt, egal wie weit entfernt man voneinander wohnt. Und auch hier gibt es zwei Möglichkeiten. Erstens: Irgendwann wird es besser, weil es immer besser wird, und man fängt an, sein Leben wieder zu genießen und vielleicht andere tolle Menschen kennen und lieben zu lernen. Zweitens: Man wird immerzu an den Verflossenen denken und nicht mehr loskommen, dann wäre es irgendwann an der Zeit, nach einer anderen Lösung zu suchen. Aber gemeinsam Lösungen zu finden, verlangt zwei Personen viel ab.

Als ich nach Hause fahre, habe ich noch immer den süßen Geruch seines Haargels in der Nase. Ein weiterer bitterer Beigeschmack meiner Stimmung. Wieder einmal hatte man drei wundervolle, leidenschaftliche (im wahrsten Sinne des Wortes) Tage erlebt. Sich geliebt, geträumt, gelacht und ehe man es sich versieht, ist man dabei, genau das Falsche zu tun: den Heimweg anzutreten, den Weg weg von einer Person, die man so sehr liebt. Alles, was bleibt, ist der Geruch in der Nase, das Gefühl der Berührungen auf der Haut, die Augenblicke, die sich im Kopf festgeklammert haben. Aber all das verschwindet jedes Mal viel zu schnell.

Wir alle sind unterschiedlich. Im Aussehen, Denken, Fühlen. Es gibt diejenigen Menschen, die mit Liebe auf Distanz zurechtkommen, die solch eine Beziehung mit der bestimmten Lockerheit und Freiheit sehen können, und jene, denen die Vorstellung daran, jedes Organ im Bauch zusammenschnürt. Falls zwei solche unterschiedlichen Personen aufeinandertreffen, erweist sich das Finden einer Lösung, mit der beide zufrieden sind, als äußerst schwierig, wenn nicht gar unmöglich. Diese schmerzliche Erfahrung habe ich machen und die Liebe am anderen Ende des Landes ziehen lassen müssen. Loslassen, um vielleicht irgendwann einmal zusammenzufinden, denn man kann nie wissen, was das Leben mit sich bringt.

Dieser Artikel stammt aus der ICH BIN-Ausgabe 06/2013:

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