All You Need Is Love …?

All you need is love ... von Deniz Aslan

Egal, zu welcher Tageszeit man durch die Stadt läuft, überall sieht man sie: die Liebe. Die Mutter, die ihr weinendes Kind tröstet, das verliebte Paar Hand in Hand, Postkarten mit ‚I love …’-Aufdruck. Doch wissen all diese Menschen eigentlich, was Liebe genau ist? Und: Lässt sich die Liebe überhaupt so einfach erklären?

Zahlreiche alte Volksstämme hatten eine simple Erklärung, wie die Liebe entsteht. Sie meinten, jede Seele bestehe aus zwei Teilen, von denen sich je ein Teil in einem Menschen befände. Die beiden Seelenstücke würden sich wieder vereinen wollen, weshalb die betreffenden Personen sich zueinander hingezogen fühlten. Vor Urzeiten ging man also davon aus, dass es für jeden einzelnen Menschen auf der Welt den perfekten Partner gebe, und mehr noch: dass zwei Personen von ihrer Geburt an füreinander bestimmt seien.

Ganz so einfach hat es sich der deutschamerikanische Philosoph Erich Fromm (1900–1980) nicht gemacht. Er hat die Liebe von Grund auf analysiert und stand zunächst vor einigen Problemen: Zum Einen sei die Liebe ein Gefühl, dem man sich nicht einfach nur hingeben müsse, sondern etwas, das viel Arbeit erfordere. Sie bestehe vor allem in der Ausübung von Konzentration, Geduld und Selbstdisziplin. Außerdem verwechselten viele Menschen die anfängliche Verliebtheit einer Beziehung mit der dauerhaften Liebe.

Fromm hielt es für zweitrangig, die eigene Liebenswürdigkeit durch Äußeres zu erhöhen und war der Meinung, dass man sich vor allem auf die eigene Fähigkeit zu lieben, fokussieren sollte. Aus diesem Grunde hat er eine einzige Grundvoraussetzung aufgestellt: Die Liebe muss im Leben eines Menschen an erster Stelle stehen, weit vor Dingen wie Macht, Karriere und Geld.


ICH BIN das Valentinstags-Special 2015:

Dieser Artikel ist Teil des Valentinstags-Specials 2015:

Das Bild des Pärchens auf der Mole stammt von Dirk Schelpe – © Dirk Schelpe / PIXELIO


Erich Fromm hat zwar keine konkrete Definition der Liebe formuliert, dennoch lassen sich seine einzelnen Aussagen zusammenfügen. So ist die Liebe an sich eigentlich nicht als einzelnes Gefühl zu bezeichnen. Vielmehr setzt sie sich aus verschiedenen Emotionen wie Empathie, Achtung und Fürsorge zusammen. Ist die Liebe zudem reif genug, so ist eine ihrer größten Absichten, zwei Menschen eins werden zu lassen und dabei trotzdem die Individualität des Einzelnen zu wahren. Lediglich in einem Punkt stimmt Fromm zumindest teilweise mit der Liebestheorie der Urvölker überein: Er ist ebenfalls der Meinung, dass sich Mann und Frau aus dem Grund verbinden, weil sich die männlichen und weiblichen Charakterzüge perfekt ergänzen.

Doch bei Fromm ist Liebe nicht gleich Liebe. Da wäre zum Beispiel die Nächstenliebe, welche aus gegenseitiger Hilfe resultiert, im Gegenteil zur Mutterliebe: Die Mutter gibt ihrem Kind die erforderliche Hilfe, sie muss jedoch später auch loslassen können. Die Mutterliebe besteht zwischen zwei Menschen, welche eins waren und nun getrennt werden. Seit der Geburt des Kindes hat die Mutter es umsorgt, doch mit der Zeit muss sie akzeptieren, dass das Kind zu einer eigenständigen Persönlichkeit heranwächst.

Dies wiederum ist das Gegenteil der erotischen Liebe, in welcher zwei Menschen, die sich einst fremd waren, eins werden. Diese Liebe findet oft dann ihr Ende, wenn man meint, den Anderen nun komplett zu kennen, wodurch der Zauber des Unbekannten verschwindet. Diese Situation kennt wohl jeder von uns: Man lebt in einer Beziehung, die zu Anfang aufregend und neu war, mit der Zeit jedoch immer alltäglicher und irgendwie selbstverständlich wurde.

Es gibt noch zwei weitere Formen der Liebe: Da wäre zum einen die Selbstliebe, die jedoch keinesfalls mit Selbstsucht gleichzusetzen ist. Nach Fromms Meinung muss man nämlich zunächst sich selbst lieben, bevor man andere lieben kann. Darauf bezieht sich indirekt auch das christliche Gebot „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“, womit wir nun bei der letzten Art der Liebe angekommen wären: der Liebe zu Gott. Sie ist eine religiöse Liebe, welche ebenfalls aus dem Bedürfnis, eine Einheit zu werden, entsteht. Die geistige Reife des einzelnen Menschen ist dafür verantwortlich, auf welche Art die Götter verehrt und geliebt werden.

Man sieht also, die Frage nach dem Entstehen, dem Wesen und dem Sinn der Liebe lässt sich bei weitem nicht so einfach beantworten, wie manch einer vielleicht anfänglich geglaubt hatte. Worin sich aber wohl jeder einig sein wird, ist die Tatsache, dass die Liebe ein wundervolles Phänomen ist und es jeder Mensch gleichermaßen genießt, geliebt zu werden sowie selbst zu lieben.

Dieser Artikel erschien zuerst in der Sonderausgabe ‚ICH BIN aktuell‘ zum Tag der offenen Tür 2011.