Romantik am Stiel

Eine Rose zum Valentinstag ...

Einmal im Jahr, immer zur selben Zeit, läuft das Geschäft richtig gut für Floristen, Süßwarenhersteller und die Grußkartenindustrie. Es sind die Tage vor dem 14. Februar, an denen man überall Rot sieht – und zwar in Herzform.

Der Valentinstag ist nicht wie oft angenommen eine Erfindung der USA, sondern entstand bereits im antiken Rom. Die Überlieferungen vom Bischof Valentin machten den Tag der Liebenden, an dem man sich traditionell Blumen schenkt, schon im 15. Jahrhundert in England zum populären Feiertag. Doch was hier und heute als romantisch zelebriert wird, ist gewohnt kitschig amerikanisch beeinflusst.

Der kommerzielle Brauch, von dessen Umsatz viele Unternehmen das ganze Jahr über leben können, schreibt vor, dass – und praktischerweise auch gleich wie – man am 14. Februar einem Menschen seine Zuneigung ausdrücken sollte: Rote Rosen, Schokolade, Kerzenlicht – verkommene Synonyme für Romantik. Gut für die Wirtschaft, aber traurig für unsere Gesellschaft, in der Frauen sich „romantische“ Partner wünschen, um alljährlich denselben Mist wie jede Andere überreicht zu bekommen, und in der Männer tatsächlich glauben, dass ein Strauß Rosen irgendetwas bedeutet.

Und auch die unbedarften Konsumenten, die sich stolz kreativ schätzen, wenn sie statt auf die Verkaufsschlager auf Schmuck und den aktuellen „Kuschelrock“-Sampler zurückgreifen oder in reine Entzückung verfallen, wenn der heimische Flur neben Schuhen auch noch Blütenblätter Richtung Bade- oder alternativ Schlafzimmer aufweist, haben halt leider keine Ahnung. Denn mit Romantik hat das recht – pardon, HERZlich – wenig zu tun.


ICH BIN das Valentinstags-Special 2015:

Dieser Artikel ist Teil des Valentinstags-Specials 2015:

Das Bild des Pärchens auf der Mole stammt von Dirk Schelpe – © Dirk Schelpe / PIXELIO


Genau genommen hat aber vor allem Romantik wenig damit zu tun, denn sie bezeichnet ursprünglich das ziemliche Gegenteil von kitschig-inszenierten Szenen der Liebe, wie sie heute überall angepriesen werden. Romantik ist, kurz gesagt, eigentlich die Geisteshaltung gegenüber einer beschissen gleichgültigen Welt, in welcher wir letztlich zugrunde gehen werden. Wie wäre es mal damit auf einer Valentinskarte?

Denn übrig bleibt von einer stümperhaften Liebeserklärung nur Retortenromantik, die man – jetzt mal ehrlich! – doch nicht ernst meinen kann. Es braucht keine Blumen, keine Pralinen, keine Kerzen und gewiss kein Datum, um einem Menschen zu zeigen, dass man ihn gern hat.

Warum eine plakative Geste am Valentinstag dennoch das Aushängeschild für eine intakte Liebesbeziehung ist, liegt vielleicht eher daran, dass die meisten unter uns den Sinn für die subtile, spontane und aufrichtige „Romantik“ verloren haben – jene, die man nicht noch schnell nach Feierabend beim Blumenhändler am Bahnhof kaufen kann, sondern nur wahrnehmen muss, und zwar auch außerhalb der Saison. Wie das genau aussieht? Ein kleiner Tipp: Das muss schon jeder selbst wissen, der einen Menschen und nicht das Schwarz-Weiß-Film-Ideal einer zwischenmenschlichen Beziehung liebt, das der Valentinstag propagiert.

Und wer in vierzehn Tagen immer noch zur roten Rose greift, dem kann ich nur durch die Blume sagen: Einmal im Jahr bin auch ich romantisch …

Dieser Artikel erschien zuerst in der Sonderausgabe ‚ICH BIN aktuell‘ zum Tag der offenen Tür 2011.